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Im Jahre 1854 erſchien die erſte Auflage von L. Ruprecht's„Die deutſche Rechtſchreibung vom Standpunkt der hiſtoriſchen Grammatik beleuchtet.“*) R. gibt den Klagen über die Neuerungen und die von ihnen angerichteten Konfuſion Recht. Zwar hält er unſere Orthographie einer Ver⸗ beßerung fähig, auch bedürftig wegen recht vieler Fehler, aber„die Schreibweiſe iſt, wie die Sprache ſelbſt, nicht ein Eigentum der Wißenſchaft, ſondern gehört dem geſamten Volk und ſeinem Kultur⸗ leben an, ihre erſte und höchſte Tugend iſt Feſtigkeit, ſie geſtattet wol eine Verbeßerung, wo dieſe mit Schonung, und ohne Anſtoß zu geben, eingeführt werden kann, iſt aber jeder gewaltſamen, revolutionären Umwälzung feind.“—
Michaelis macht vom Standpunkte der Stolzeſchen Stenographie aus Vorſchläge zur Ver⸗ einfachung der Rechtſchreibung; er geht darum ebenfalls vom phonetiſchen Standpunkt aus. Außer ſeiner Schrift über„Jakob Grimms Rechtſchreibung“(Berlin, Lobeck. 1868) veröffentlichte er noch zwei Abhandlungen: 1) das th in der deutſchen Rechtſchreibung(Berlin 1860); 2) Ueber die Phyſiologie und Orthographie der S⸗Laute(Berlin 1863). Wie Michaelis in der erſten Schrift am entſchiedenſten(noch entſchiedener als Weinhold) in der Beſeitigung der Dehnungszeichen vorgeht, ſo verteidigt er in der zweiten mit Beſtimmtheit die Heyſe'ſche Schreibung der S⸗Laute.
IV. Rudolf v. Raumer und ſeine Anhänger.
Mit dem J. 1855 trat Rudolf v. Raumer in die Arena des orthographiſchen Streites. Mit der hiſtoriſchen Sprachforſchung wol vertraut, ja als Sprachforſcher in Anſehen ſtehend, muſte ſein Wort von Wichtigkeit ſein, und hat ſich auch als ein gewichtiges erwieſen. Die erſte ſeiner Abhandlungen erſchien unter dem Titel:„Ueber deutſche Rechtſchreibung“ in der Zeitſchrift für die öſterr. Gymnaſien 1855“, alſo in demſelben Blatte, in welchem drei Jahre früher Weinhold aufgetreten war. Das unterliegt keinem Zweifel, ein ebenbürtigerer Gegner konnte für Weinhold kaum gefunden werden. Den Namen„hiſtoriſche Schreibweiſe“ will Raumer nur für das gegen⸗ wärtige Franzöſiſche und Engliſche gelten laßen; denn hier ſtehe die Schreibweiſe beharrlich auf ihrem alten Platze, von der Zeit an, als die Buchſtaben alle lautliche Geltung hatten, bis zur gegenwärtigen Zeit, in der eine ganz veränderte Ausſprache ſtattfindet. Wenn man nun auch zu⸗ gibt, daß die Orthographie der Franzoſen und Engländer im ſtrikteſten Sinne eine„hiſtoriſche“ zu nennen iſt, ſo bleibt dieſer Name doch immerhin anwendbar auf diejenigen Orthographen, welche mit Weinhold für das Deutſche als leitendes Prinzip den Satz hinſtellen:„Schreib, wie es die geſchichtliche Entwickelung des Neuhochdeutſchen verlangt.“ Sodann ſucht er nachzuweiſen, wie wir mit„unſerer Erkenntnis der geſchichtlichen Fortentwickelung des Neuhochdeutſcheu auf eben denſelben ſchwankenden Boden der Ausſprache und der Schreibart verſetzt ſeien, dem wir uns ent⸗ ziehen zu können wähnten.“ Raumer ſtellt darum als oberſten Grundſatz hin:„Bring deine Schrift und deine Ausſprache möglichſt in Uebereinſtimmung.“ Somit ſtellt er ſich mit Entſchiedenheit auf den phonetiſchen Standpunkt. Da er aber Aenderungen, bezw. Ver⸗ beßerungen auf Grund der hiſtoriſchen Sprachforſchung zugeſteht, ſo kann man das von ihm auf⸗ geſtellte Prinzip das phonetiſch⸗hiſtoriſche nennen.
fachung in unserer shrift; sie fanden aber bei den gelerten, zu denen si sprachen, venig gehör und noch veniger nachamung Vir vollen darum fersuchen, ohne anfürung durch di gelerten uns selbst zu helfen. Vir einfachen Shweizer vollen es doch einmal probiren, mit klarem ferstande und praktishem sinne di aufgabe zu lösen. Vir vollen den garstigen zopf nicht jare lang begukken und erlesen und uns darüber beraten, velches das entberlichste härchen desselben sei und ob und vi virs ausreissen vollen. Mit starker shere shneiden vir auf einmal das ganze anhängsel hinveg, velches uns shon lange geärgert— und da ligt er am boden, der feraltete zopf— Di lerer atmen fro auf: si sind befreit fon der evigen kval des korrigirens. Di eltern freuen sich, dass ihre kinder in der shule nun nicht mer einen so grossen teil der zeit und kraft auf geisttötende übungen fervenden müssen. Die kinder jubeln: si brauchen über die hälfte der buchstabenformen nicht mer, und das ortografigespenst ist fershvunden.“
Doch wird, wenn auf dieſe Weiſe vorgegangen wird, das,Orthographiegeſpenſt“ ſobald noch nicht verſchwinden, ſondern einer um ſo längeren Eriſtenz ſich erfreuen. Es darf übrigens kaum hervorgehoben werden, daß auch dieſe Extra⸗ vaganz nicht das hiſtoriſche, ſondern das phonetiſche Prinzip der Perſiflage preisgibt, ſobald man nur die Schreibung v für w ausnimmt. Nur die Aehnlichkeit in der äußeren Geſtalt ließ derſelben hier eine Stelle anweiſen.
39) 2. umgearbeitete Aufl. 1857.


