Aufsatz 
Die Entwickelung der deutschen Orthographie bis zur Gegenwart mit Rücksicht auf das von der Schule zu befolgende Prinzip / Leimbach
Entstehung
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aber durch denHeſſiſchen Volksfreund(1848 1852) und die von ihm beſorgte Ausgabe des Bach'ſchen Leſebuchs(die aber in der nachfolgenden, von Koberſtein beſorgten Auflage das alte Gewand wieder anzog) der Verbeßerung der Orthographie auf Grundlage der hiſtoriſchen Forſchung beſonders in unſerem engeren Vaterlande einen entſchiedenen Anſtoß gegeben. Die drei Briefe an den Setzer(im Volksfreunde 1851 Nr. 49, 51 und 52) ſind durch die weiſe Beſchränkung und die populäre Faßung warhaft ausgezeichnet. Sie verbreiten ſich über den richtigen Gebrauch des ſ und ſſ, die allmaͤhliche Entfernung des Dehnungs⸗h, die Geltendmachung der Reduplikation in den Wörtern hieng, gieng, fieng, endlich die Schreibung der erborgten Verba mit der deutſchen Endung ieren und einige einzelne Wörter: Sprichwort, giltig, möchte.

Ueber ßö und ſſ ſagt er:Die Abhängigkeit des ſ vom langen, des ſſ vom kurzen Vokal haben uns die Sprachmacher aufgebunden. Es gibt nur wenig Woͤrter, denen ſſ gehört, nemlich Roſſ), Kuſſ), küſſen, Küſſen(das Kopftüſſen) ¹), Eſſe ¹), Kreſſes*), Meſſing ¹), mis(z. B. misliebig, mislic) e nis(Bildnis u. dgl.)*), miſſen), gewis ¹⁰)(am Schluße iſt S ebenſo gut wie ſſ zu ſchreiben) und endlich unſer Volksname Heſſe*¹). Das Gewißen ¹²) iſt fein ſäuberlich von dem gewis zu trennen; denn die beiden Wörter haben gar nichts mit einander zu tun, wie wir denn gar manchmal mit der Tat erfahren müßen, daß das Gewißen gar nicht zu den gewiſſen Dingen gehört. Was nicht unter dieſe zwölf Wörter fällt, bekommt ein ſ1³), es müſte denn ein Fremdwort ſein, wie z. B. die Worter Taſſe, Maſſe, Meſſe, Poſſe, paſſen u. dgl. Nur eins könnte noch genannt werden, aber es kommt ſelten vor: das iſt das deutſche Wort praſſeln, welches ſſ haben muß, weil es für praſteln ſteht. (Aſſimilation.) Dieſelbe Bewandnis hat es mit dem Worte kreiſſen, indem dieſes mit dem Wort Kreiß¹) nichts zu tun hat. Dasſelbe gilt von Droſſel(ſonſt Droſchel).

Später hat Vilmar noch einmal als Profeſſor ein ihm abverlangtesGutachten geſchrieben, das der Schrift des verſtorbenen Seminarlehrers Schilbe in Homberg:Prüfung der Regeln für die deutſche Rechtſchreibung von Dr. Bezzenberger angehängt iſt ³2²).

Dr. Otto Vilmar(Sohn des Prof.) ſchrieb imKirchlichen Schulfreund 1852(noch ehe die Vorrede zu Grimms Wörterbuch erſchien) Aufſätzeüber die Einführung einer geſchichtlich begründeten Rechtſchreibung und vollendete dieſelben 1854 s3). Obgleich über die von ſeinem Vater eingehaltenen Grenzen hinausgehend, iſt doch auch bei ihm im Vergleich zu anderen ein beſon⸗ nenes Maßhalten zu loben, und außerdem empfehlen ſich dieſe Aufſätze noch beſonders durch ihre populäre Faßung.

Als einer der früheſten Anhänger der hiſtoriſchen Schule, der mit Einſicht und Energie die Grundſätze derſelben geltend zu machen ſtrebte, muß Philipp Wackernagel genannt werden ³⁴). Er urteilt:Die deutſche Orthographie hat ſich ſeit Erfindung der Buchdruckerkunſt als eine Sache der Mode geſtaltet, der zufolge dieſe Generation ſo, die andere anders ſchreibt, nicht etwa, wie es eine Veränderung der Ausſprache mit ſich führen möchte, ſondern wie ſchriftſtelleriſche Auto⸗ ritäten, denen ſelbſt die Frage um Orthographie, überhaupt um Grammatik ganz gleichgiltig war, oder Grammatiker, die der Verwirrung mit nicht hinlänglicher Sprachkenntnis entgegentraten, es angaben. Die Setzer gehören dann jedesmal zur konſervativen Partei, ſie ſind immer im Nachtrab

¹) mhd. ros, engl. horse. ²) mhd. kus. ³) der Pfühl(Polſter), ahd. cussin, frz. coussin, engl. cushion. *) der Herd, mhd. esse.) ahd. crésso, mhd. kresse.*) mhd. mösse, Bronce; nach and. messinc, wol mit der deutſchen Ableitungsſilbe inc aus massa gebildet.*) mhd. misselich. ²) ahd. nissi.*) mhd. missen. ³⁹) mhd. gewis, Adv. gewisse; gewisheit. ¹¹) das ss im Namen ſteht urkundlich unzweifelhaft feſt, und zwar zu einer Zeit, in welcher eine Abſchwächung des zz in ss durch kein einziges ſicheres Beiſpiel nachzuweiſen iſt. Der Name erſcheint zuerſt unter Bonifacius, und zwar meiſt in der Form Hessi(Anal. Lauriss. z. J. 746 bei Pertz, geſchrieben erſt 818), ſeltner Hassi(ebdſ. 3 J. 774); ſodann Hessii(Anal. Fuld. z. J. 719, geſchriebeu 838) und Hessiones(ebdſ., Variante des Cod. 3. des 11. Jahrh.) S. Vilmars Idiotikon von Kurheſſen. Marburg, Elwert. 1868. 12) mhd. diu gewizzen. ¹³) Weil im Altdeutſchen an der Stelle des geſchärften f meiſtens ein z ſtand. Dieſes z bezeichnete einen von dem ſ verſchiedenen Laut, es bezeichnete eben den eigentümlichen Laut des ß. 1⁴) mhd. kreiz.

32) Marburg, Elwert. 1859. 33) Ein beſonderer Abdruck erſchien 1856, Marburg b. Koch.

34) Der Unterricht in der Mutterſprache(IV. Teil des Leſebuches.) Stuttgart, Lieſching. 1843 S. 61. Seine Anſchauungen üoer die Orthographie überhaupt ebenda S. 58 78.