10
Auf alle Einzelnheiten der Grimmſchen Schreibung kann hier nicht eingegangen werden; die findet man in den Schriften von Andreſen ²⁸) u. Michaelis ²¹⁰⁹). Konſtatiert ſei nur: Ein Abſchluß iſt durch Grimm für unſere Orthographie nicht erfolgt; denn wenn er auch mit dem Wörterbuche, dieſem Schlußwerke ſeines Lebens, eine durchgreifende Regelung der Rechtſchreibung herbeizuführen beabſichtigt hat, ſo hat er dieſes Vorhaben doch mit Rückſicht auf die Zähigkeit, mit der das deutſche Volk an ſeinen Vorurteilen feſthält, und auf die inzwiſchen eingetretenen, einem ſolchen Fortſchritte minder günſtigen Zeitverhältniſſe wieder aufgegeben und ſich darauf beſchränkt, die Verbeßerung hin und wieder anzubahnen und vorzubereiten. Doch iſt das, was Grimm für die Orthographie getan hat, von gröſter Wichtigkeit. Durch ihn erhielt die Etymo— logie im Gegenſatz zu dem früheren unſicheren Umhertappen eine klare und geſicherte Grundlage, ſo daß es jetzt erſt möglich wurde, den etymologiſch begründeten Kern aus dem Wuſte unſerer Dehnungszeichen herauszuſchälen. Der bisher für heilig gehaltene Uſus als Grundſatz für die Rechtſchreibung muſte vor ſeiner Forſchung verſchwinden und der von Gottſched aufgebrachte pedantiſche Grundſatz der graphiſchen Unterſcheidung gleichlautender Wörter von verſchiedener Bedeutung, gegen den ſchon Klopſtock eifrig gekämpft, als einer urwüchſigen Sprache übel anſtehend erſcheinen. Ueberhaupt erſcheinen als die hervorſtechendſten Grundzüge der Grimmſchen Rechtſchreibung das Streben nach Einfachheit und die Zurückführung auf die Urſprünge.
Wenn Grimm aber(in der Abhandlung über das Pedantiſche) ſagt:„Der Schreibung, die ihre volle Pflicht tut, wenn ſie alle wirklichen Laute zu erreichen ſucht, kann nicht das Unmögliche aufgebürdet werden, zugleich die Geſchichte einzelner Wörter darzuſtellen“; ſo erkennt er damit das phonetiſche Prinzip an, und wenn er in Bezug auf das Wörterbuch ſagt:„Etymologie iſt das Salz oder die Würze des Wörterbuchs, ohne deren Zutat ſeine Speiſe noch ungeſchmack bliebe: man mag aber auch manches gern roh genießen und lieber als verſalzen“; ſo erkennt man, in welchem eingeſchränkten Maße er das etymologiſche Prinzip in der Orthographie zur Geltung bringen will. Und gerade in dieſer Beſchränkung zeigt ſich die Größe des Meiſters.
2. Grimm's Nachfolger.
Das Streben der durch Grimm begründeten hiſtoriſchen Schule geht nun dahin ²⁰), eine Rechtſchreibung aufzuſtellen, welche auf den alten Grundgeſetzen unſerer Sprache ruht und zugleich die Fortentwickelung derſelben treu berückſichtigt.(Hiſtoriſch⸗etymologiſches Prinzip.) Dabei erklären die Anhänger, manche Erſcheinungen rechtfertigen zu können, die in älterer Zeit nicht fußen, die aber in der neuhochdeutſchen Lautbildung begründet ſind.
Unter Grimm's Nachfolgern verdient in erſter Linie Prof. A. F. C. Vilmar zu Marburg(† 1869) genannt zu werden. Schon als Gymnaſial⸗Direktor zu Marburg ſchrieb er(1840)„Anfangs⸗ gründe der deutſchen Grammatik zunächſt für die oberſten Klaſſen der Gymnaſien“ ³*). In der Vorrede zu dieſem Buche, das 1859 in fünfter Aufl. von ſeiner Hand erſchien, ſagt er:„Ich gebe nichts, als einen Auszug aus Jakob Grimm's Grammatik. Daß wir von Jak. Grimm nur lernen, und in der deutſchen Grammatik allein von ihm lernen können, das wünſche ich nicht allein allen Lehrern, ſondern anch den Schülern der Gymnaſien ernſtlich an das Herz zu legen, zumal in einer Zeit, in welcher die Meiſterloſigkeit an der Tagesordnung iſt, und jeder lieber mit ſeinen eigenen halben Gedanken denkt, als mit den ganzen eines Meiſters. Ich hoffe aber auch, daß unſere Jugend aus Grimms Grammatik mehr als deutſche Grammatik: deutſche Geſinnung und einen treuen, feſten, gebildeten hiſtoriſchen Sinn gewinnen werde“. So beſcheiden Vilmar ſich hier auch einen Schuͤler Grimms nennt, ſo wißen doch alle, die ihn gekannt haben, wie er ſelber ein Meiſter im Altdeutſchen war und als Autorität auch in der orthographiſchen Frage gelten muß. Der erſte Abſchnitt ſeiner Anfangsgründe ꝛc., die Lautlehre enthaltend, iſt in dieſer Beziehung durch ſeine prägnante Kürze und die dem Verfaßer eigene Klarheit und Beſtimtheit von großem Werte. Wie durch die Schule, ſo hat Vilmar auch durch die in ſeinen Schriften befolgte Orthographie, namentlich
28)„Ueber Jakob Grimm's Orthographie von Karl Guſtaf Andreſen“. Göttingen, Dietrich 1867.
29)„Ueber Jakob Grimm's Rechtſchreibung von Dr. G. Michaelis“. Berlin, Lobeck. 1868.
30) Vgl. Weinhold S. 2.
31) Marburg und Leipzig, Elwert


