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III. Die hiſtoriſche Orthographie. 1. Jakob Grimm.
Als im Jahre 1819 der erſte Band von Jakob Grimm's„Deutſcher Grammatik“ erſchien, war mit einemmale das bisher herſchende Adelung'ſche grammatiſche Spyſtem vernichtet und die hiſtoriſche Grammatik begründet; aber die Orthographie Adelungs blieb noch un⸗ berürt. Doch mit dem Vorworte zu der zweiten Ausgabe dieſes erſten Bandes ſeiner deutſchen Grammatik ſagt Grimm:„üUnſere heutige ſchreibung liegt im argen, darüber wird niemand, der mein buch lieſt, lange zweifelhaft bleiben.“ Die gründliche Erforſchung der Lautgeſetze und der hiſtoriſchen Entwickelung unſerer Sprache hatten ihm den„wuſt und unflat unſerer ſchimpflichen, die glidmaßen der ſprache ungefüg verkleiſternden und entſtellenden ſchreibweiſe“ gezeigt. Indem er nun darauf hinweiſt, daß ſeinen„abweichungen von der herkömmlichen orthographie nicht leicht kein geſchichtlicher grund zur ſeite ſtehen werde“, alſo für Aenderungen in der Orthographie einen„geſchichtlichen Grund“ fordert, hat er für die Orthographie ein neues Prinzip aufgeſtellt, das hiſtoriſch⸗etymologiſche. Dabei aber darf nicht überſehen werden, daß Grimm durch⸗ greifende Reformverſuche für bedenklich hält, weil„verjährte Misgriffe nunmehr ſchon auf den Reim der Dichter und ſelbſt auf die wirkliche Sprache übel eingefloßen haben.“ Er betont, daß gleich aller Geſchichte die hiſtoriſche Grammatik vor frevelhaftem Reformieren warne. Nur„einge⸗ ſchlichene Misbräuche“ will er nach und nach abgeſchafft haben. Darum will er 1) die An⸗ wendung der älteren, einfachen, runden, lateiniſchen Schrift ſtatt der ſog. deutſchen, die er als häßlich verſchmähte, obgleich er derſelben noch 1816 ausdrücklich das Wort geredet hatte; 2) die Abſchaffung der Majuskeln für die Subſtantiva, welche er für eine ſinnloſe Verkleiſterung erklärte und für den Hauptſchlupfwinkel aller Pedanterei, deſſen Zerſtörung alles andere erleichtere, deſſen Feſthaltung alles andere erſchwere.(„Für ſie ſpricht kein innerer Grund, wider ſie der beſtän⸗ dige frühere Gebrauch unſerer Sprache bis ins 16., 17. Jahrh., ja der noch wärende aller übrigen Völker“); 3) Beſeitigung der Wörter mit unnützen Buchſtaben, weil„in unbefugter regel⸗ los ſchwankender Häufung der Vokale wie Konſonanten die deutſche Schrift einen breiten, ſteifen und ſchleppenden Eindruck macht.“ Insbeſondere iſt es die Beſeitigung der unnützen Dehnungs⸗ zeichen, die Grimm wärend der Vorbereitungen zum Wörterbuche alles Ernſtes konſequent weg⸗ zuräumen in Abſicht gehabt hat, wie aus einem im J. 1849 an die Weidmannſche Buchhandlung in Leipzig²³⁴) geſchriebenen Briefe hervorgeht. Darnach erſcheinen ihm folgende Umwälzungen in der bisher geltenden Schreibung notwendig und unabweisbar:„1) das dehnende h wird ver⸗ worfen, es ſtört die natürliche Ordnung aller Wörter; 2) das dehnende ie ſchwindet; 3) auch die dehnenden Geminationen unterdrückte ich gern, doch ſind ihrer wenige, wogegen andere Geminationen die organiſche Länge ausdrücken, weit häufiger aber dafür dehnendes heeingedrungen iſt(Jahr, wahr, ehre, lehre, ohr), das letztere kann nicht länger geduldet werden; 4) geminierte Konſonanz verdient Erhaltung, zum Dank dafür, daß ſie uns den kurzen Vokal rettete, nur auslautend und inlautend vor t koͤnnte ſie ſich nach mhd. Weiſe vereinfachen; ff in ſolchen Fällen iſt mir ein Greuel.“—
Als eine eigentümliche Erſcheinung in der Grimm'ſchen Schreibweiſe iſt die Herſtellung und konſequente Durchführung des ſ und die ſpätere Rückkehr zum Gottſched⸗Adelung'ſchen Gebrauch bezeichnet worden. Nachdem er bei der 2. Aufl. der Grammatik(1822) das hiſtoriſche ſz nach kurzem Vokale, wo dafür ſſ eingetreten war, hergeſtellt und für den latein. Druck, dem das entſprechende Zeichen fehlte, ſogar ein beſonderes Zeichen geformt, den Gebrauch dieſes ſi auch durch den zweiten und dritten Band der Grammatik bis 1831 durchgeführt hatte, ſei er ſpäter(1852) wieder zur herkömm⸗ lichen Schreibweiſe zurückgekehrt, weil er angenommen, daß der Lautunterſchied, auf den er den Gebrauch des Buchſtabens früher baſiert habe, nicht exiſtiere. Doch erklärt er den Buchſtaben 1849 noch für einen„kitzlichen“ 2*) und Andreſen weiſt(„Jak. Grimm's Orthogr.“ p. 41— 49) überzeugend nach, daß Grimm nicht mit ſeiner früheren Anſicht grundſätzlich gebrochen, alſo auch nicht„ins Gottſched⸗Heyſe'ſche Lager zurückgekehrt“ ſei, ja niemals auf Seiten der phonetiſchen Ver⸗ teilung der Ziſchlaute geſtanden habe.
26) Zeitſchrift für deutſche Philologie von Höpfner und Zacher, 2. Heft. 1868. 27) Vgl. den angeführten Brief an die Weidmann'ſche Buchhandlung.


