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So erhielt ſich trotz allen gegneriſchen Beſtrebungen ²¹) die Gottſched⸗Adelung'ſche Schreibweiſe, bis mit dem Beginn des dritten Dezenniums unſeres Jahrhunderts eine neue Bewegung gegen die⸗ ſelbe entſtand und zwar eine ſo heftige, daß wenn auch die Wellen gegenwärtig nicht mehr ſo hoch gehen, wie in den 40r und 50 Jahren, dieſelbe doch noch immer in vollem Gange iſt. Der Mann, der ſie hervorgerufen, iſt Jakob Grimm. Doch ehe wir auf dieſe Bewegung eingehen, muß noch einer Fortbildung der Adelung'ſchen Orthographie gedacht werden, die in den zwanziger Jahren verſucht wurde. Im J. 1820 ſchrieb Radloff ²²) über deutſche Orthographie und bewies den Misbrauch des ß als unnötigen Stellvertreter des ſſ am Ende einer Silbe. Nach Gottſched⸗ Adelung war nemlich nach kurzen Vokalen ſſ zu ſchreiben, wenn wieder ein Vokal folgte(haſſen), ß nach langen Vokalen durchaus, nach kurzen aber dann, wenn es den Auslaut bildet oder ein Konſonant folgt(heiß, Haß, haßt).
Heyſe entſchied ſich in der 4. Aufl. ſeines Buches(1827), beſonders nach Radloffs Vor⸗ gang, dafür, nach langen Vokalen ſi, nach kurzen durchweg ſſ(ſS), auch im Auslaute und vor Konſonanten(Haſst, haſst oder haſſt) zu ſchreiben. Es war dieſe Veränderung alſo nur graphiſcher, nicht lautlicher Natur, erſchien aber als eine Vereinfachung des Gottſched⸗Adelung'ſchen Grund⸗ ſatzes, durch welche Ausländer und Deutſche vor Verwirrung behütet werden ſollten. Dieſe Schreibung der S⸗Laute iſt ſeitdem allgemein die Heyſe'ſche genannt worden.
4. K. F. Becker..
Seit dem Jahre 1829 machten die Sprachſchriften von Dr. K. F. Becker, namentlich ſeine „Schulgrammatik“ und die„Ausführliche deutſche Grammatik“ als Kommentar zur erſteren großes Aufſehen und ſtellten Heyſe's Grammatik in den Schatten. Sagt doch Dieſterweg von den Beckerſchen Sprachſchriften, ſie ſeien die tüchtigſten, gründlichſten, konſequenteſten unter allen im letzten Dezennium erſchienenen.“ ²2*) Seitdem wuſten die meiſten Lehrer, beſonders aber die Volks⸗ ſchullehrer, in ſprachlichen Dingen nicht höher zu ſchwören, als bei Becker, und ſo wurde ſein Wort auf dem Sprachgebiet zu einem Machtwort. Becker war nun gegen jede orthographiſche Aenderung, jeder überkommene Schnörkel war ihm ehrwürdig, wenn er auch theoretiſch der Grammatik das Recht zu ändern zugeſtand. Darum iſt durch ihn namentlich einer verbeßerten Orthographie der Eingang in die Volksſchulen gewehrt worden. Immerhin aber wird man das Lob, welches Andreſen ihm zollt, ſtehen laßen müßen,„daß in ſeiner Orthographie und Interpunktion eine warhaft bewunderungswürdige Sauberkeit herſcht“, wenn man auch mit den Grundſätzen, nach welchen er von der Orthographie handelt, ſich nicht einverſtanden zu erklären vermag.
K. W. L. Heyſe(der Sohn des J. Chr. Heyſe) hat zwar ſeit 1838 das Werk ſeines Vaters wieder aufgenommen und erweitert, ²⁴) aber die von dieſem empfohlene und angewendete Schreibung hat er damit nicht zur allgemeinen Anerkennung zu bringen vermocht.
In Betreff des von Gottſched-Adelung aufgeſtellten oberſten Geſetzes, das ſchon einige Gram⸗ matiker dahin verbeßert hatten:„Schreibe, wie man richtig ſpricht“, wurden von Heyſe und K. Fr. Becker noch Zuſätze gemacht, ſo daß es nun lautet ²⁵): 1) Schreibe, wie du richtig ſprichſt und buͤchſtabierſt, keinen Laut mehr und keinen weniger! 2) Entſcheidet die richtige Ausſprache nicht hinreichend, ſo ſchreibe, wie es die nächſte Abſtammung des Wortes verlangt! 3) Wenn aber Awaſhäache und Abſtammuug nicht hinreichen, dann richte dich nach dem herſchenden Schreib⸗ gebrauche.
21) Es könnte hier auch noch der beſonderen Orthographie, wie ſie Bürger in der erſten Ausgabe ſeiner Ge⸗ Nöie wälte, gedacht werden. Sie war eine willkürliche, wie die in ſo vielen Büchern aus dem Ende des vor. Jahr⸗ hunderts.
22)„Ausführliche Schreibungslehre der deutſchen Sprache“. Frankfurt, 1820.
23) Wegweiſer, 1838. I. Bd. p. 340.
24)„Dr. J. C. A. Heyſe's ausführliches Lehrbuch der deutſchen Sprache.“ Neu bearb. von Dr. K. W. L. Heyſe. 1. Bd. Hannover 1838. II. Bd. 1849.—„Handwörterbuch der deutſchen Sprache.“ 3 Bde. Magdeburg 1849.
25) Vergl.„Heyſe's Leitfaden zum gründlichen Unterricht in der deutſchen Sprache.“ 13. Aufl. Hannover 1844.


