Aufsatz 
Die Entwickelung der deutschen Orthographie bis zur Gegenwart mit Rücksicht auf das von der Schule zu befolgende Prinzip / Leimbach
Entstehung
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5 wenigen Fällen, in welchen durch Synkope ein Zuſammentreten dieſer beiden Buchſtaben ſtattfindet, erſcheint ein ſt. Man kann aber noch weiter zurückgehen und mit Adelung ſagen, daß dieſes Geſetz in der Schrift aller Sprachen zum Grunde liege, weil es unmittelbar aus dem dunkelen Bewüſt⸗ ſein der Abſicht und Mittel folge; denn die Abſicht der Schrift iſt, die hrbar gemachten Gedanken dem Auge des Anyeſenden ſichtbar darzuſtellen, damit er ſie, wo nicht dem Ohre, doch dem Verſtande wieder hörbar machen und durch dieſes Mittel wieder eben dieſelben Gedanken bei dem Leſenden erwecken könne, welche der Schreibende hatte. Damit wäre denn zugleich auch bewieſen, daß dieſes Prinzip das einfachſte und natürlichſte iſt.

Dagegen aber wird geltend gemacht,daß nach ihm jedes Dorf mit vollem Rechte auf eine beſondere Schreibweiſe Anſpruch machen darf, wie Weinhold ſagt*⁵³); ja er nennt dieſes Geſſetz geradezu einen Unſinn und will ihm nur für den Anfang der ſchriftlichen Aufzeichnung einer Sprache und in dem idealen Lande einer völlig richtigen Sprechweiſe eine Berechtigung zugeſtehen.

Dieſer Einwand iſt nicht neu, ſondern wurde Gottſched ſchon gemacht, von dieſem auch bis auf einen gewiſſen Grad anerkannt, indem er ſagt*):So richtig dieſe Regel überhaupt iſt, ſo leidet ſie doch große Abfälle, wenn eine Sprache viele Mundarten hat, die nicht in gleicher Hochachtung ſtehen; doch meint er, daß in zweifelhaften Fällen im allgemeinen das oberſächſiſche Deutſch als die beſte hochdeutſche Mundart den Ausſchlag gebe.

Soviel iſt gewis: einſeitig läßt ſich der phonetiſche Grundſatz nicht durchführen. Das zeigt aufs klarſte Klopſtocks Verſuch?*). Wie eine ſolche Orthographie ſich geſtaltet, zeige eine kleine Probe. Klopſtock ſchreibt:

Deutſchland geſtet, durch die algemeine Rechtſchreibung gewiſſen Gegenden die richtige Auſſprache zu. In einigen Gegenden hört man auch oa, ua, ie, chch, ſcht, diſ an der unrechten Stelle, ſg, und waf ſonſt noch fon där Art ſein mag; allein Nimand ſchreibt daſ. Anderſwo hört man ef zwar nicht mer; aber man hört da auch weder eu(eigentlich) noch ö, noch ü, noch g. Gleichwol ſchreibt ganz Deütſchland diſe Buchſtaben. Wider in andern Gegeuden hört man die lezten, one die erſten. Diſ ſind alſo di Gegenden, welchen Deütſchland, durch di algemeine Rechtſchreibung, die richtige Auſſprache zugeſtet.Ef ferſtet ſich von ſelbſt, daß di deütſchen Namen ſo wol hir, alf ſonſt überal aufgenommen wärden.Man betrügt ſich, wen man ſanft auſzuſprechen glaubt. Denn ef wird ſanneft mit einem leiſen e darauſ. In Fernumft (fon fernämen) und ſolchen, kommen Ableitung und Auſſprache überein.

Eine ſtrenge Durchführung des phonetiſchen Prinzips hat darum Gottſched auch nicht ver⸗ ſucht, vielmehr hat er ſeine erſte Regel eingeſchränkt durch eine zweite:Alle Stammbuchſtaben, die Wurzelwörtern eigen ſind, müßen in allen abſtammenden beibehalten werden. Als Beiſpiel führt er gib an und ſagt:Von dieſem Wurzelworte kommen ich gebe, ich gab, gegeben, die Gabe; folglich müßen alle dieſe das g und das b, NB. als Stammbuchſtaben, bei⸗ behalten. Man darf alſo eben ſo wenig Jabe, als Kabe; jib, als kib, oder kip ſchreiben, obgleich einige ſchlechte Mundarten ſo ſprechen möchten. Vielmehr ſollen dieſe ihre böſe Ausſprache nach der Schrift einzurichten ſuchen. Aus dieſer Regel folgt ihm nun eine andere, nemlich die: Man muß die Doppellaute nicht ſrhen wenn das Stammwort keinen damit verwandten Selbſtlaut gehabt hat. So ſchreiben einige, ſagt er, ſehr falſch Gebürg, da doch dieß Wort nicht von Burg, ſondern von Berg kömmt und alſo Gebirg heißen ſoll. Andere ſchreiben würken, da es doch von Werk kömmt, davon nur wirken kommen kann. Viele ſagen vergülden, da doch das Stammwort nicht Guld, ſondern Gold heißt, davon jenes vergolden heißen ſoll. Doch will er dieſe Regel nicht ſo weit ausgedehnt haben, als ob alle mit einander verwandte Woͤrter auch einerlei Selbſtlauter haben müſten. Darum verwirft er die Schreibung ädel und tritt für edel ein;denn das Wort edel als ein Beiwort iſt unſtreitig viel älter als das Nennwort, welches

15) Ueber deutſche Rechtſchreibung. Wien. S. 2.

16) Sprachkunſt S. 65.

17)Ueber Sprache und Dichtkunſt. Fragmente. Hamburg 1779 undSämtliche ſprachwißenſchaftliche und äſthetiſche Schriften. Bd. I. Leipzig, Göſchen 1855, beſonders in:Ueber die deutſche Rechtſchreibung. S. 325 u. 26 ff. S. 332.(NB Das Häkchen unter dem Vokal iſt von Klopſtock als Dehnnngszeichen gewält worden.)

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