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„er ist fort. Geben Sie Lottchen inliegenden Zettel. Ich war sehr gefaßt, aber Euer Ge- spräch hat mich auseinander gerissen. Ich kann Ihnen in dem Augenblicke nichts sagen, als, leben Sie wohl. Wäre ich einen Augenblick länger bei Euch geblieben, ich hätte nicht gehalten. Nun bin ich allein, und morgen geh ich. O mein armer Kopf“.
Und in dem an Lotte beigelegten Zettel lautet es in rührendem Klageton:„Wohl hoff ich wiederzukommen, aber Gott weiß wann. Lotte, wie war mir's bei Deinem Reden um's Herz, da ich wußte es ist das letzte Mal daß ich Sie sehe... Welcher Geist brachte Euch auf den Discurs! Da ich alles sagen durfte was ich fühlte, ach mir wars um Hinnieden zu tun, um ihre Hand, die ich zum letztenmal küßte. Das Zimmer in das ich nicht wieder- kehren werde, und der liebe Vater der mich zum letztenmal begleitete. Ich bin nun allein, und darf weinen, ich lasse Euch glücklich, und gehe nicht aus Euren Herzen. Und sehe Euch wieder, aber nicht morgen ist nimmer. Sagen Sie meinen Buben er ist fort. Ich mag nicht weiter“.
Wir sehen hieraus, wie beziehungsreich der Schlußbrief des ersten Teiles der Dichtung ist, in dem Werther seine Absicht kundgibt, Lotte nicht mehr zu sehen und den Inhalt der letzten Unterhaltung erwähnt, in welcher Lotte von ihrer Mutter und dem Wiedersehen nach dem Tode spricht. Auch trägt der Brief als äußeres Merkmal das Datum des 10. Septembers.
Eine innige, dauernde Freundschaft war das Resultat dieser kurzen, schönen Gemein- schaft. Kestner und Lotte fühlten sehr die Lücke, welche der Abschied des Freundes in ihrem Dasein verursachte. Lotte war, nach dem Berichte im Tagebuche ihres Bräutigams, betrübt über seine Abreise. Die Tränen kamen ihr beim Lesen der Abschiedszeilen in die Augen; doch war sie froh, daß er fort war, da sie ihm nicht geben konnte, was er wünschte. „Wir sprachen nur von ihm; ich konnte auch nicht anders, als an ihn denken“, meldet Kestner in schlichter, treugemeinter Weise; ein neuer Beweis für die Reinheit und Gediegen- heit ihres Verhältnisses. In den Briefen spiegelt sich noch Jahrzehnte hindurch das erfreu- liche Bild herzlichsten Verkehrs.
Goethe hatte Lottes Silhouette an die Wand geheftet, er unterhält sich mit ihr und Kestner gar oft im Geiste und verfehlt nie das Bild herzlich zu grüßen, wenn er sein Zimmer verläßt. Als ihn die Freunde mit der Meldung ihrer ehelichen Verbindung— sie fand am 4. April 1773 statt— überraschen, gibt er— auch im Roman ist dieser Zug ver- wertet— seinen Plan auf, am Charfreitag„heilig Grab“ zu machen und„die Silhouette zu begraben“ und läßt das teure Bild für alle Zeiten hängen. Goethe wird von dem jungen Ehepaar mit Aufträgen betraut, er besorgt z. B. Kleiderstoffe und fordert, daß seine Stimme in Toilettenfragen gehört werde. Bilder und Weihnachtsgeschenke für seine„lieben Buben“ werden den Sendungen beigefügt. Lotte verstand es, durch sinnige Aufmerksamkeiten Goethes Anhänglichkeit zu belohnen. Das blütenfarbene Band, das sie am ersten Tage ihrer Bekannt- schaft trug, findet Goethe in einem Briefe als Beigabe und hocherfreut schreibt er an sie: „Dank Ihrem Herzen daß Sie mir noch so ein Geschenk machen können!“ Er darf dem Brautpaar die Trauringe besorgen, und Lotte sendet ihm durch Anna Brandt ihren Braut- strauß, mit dessen Resten er auf einer Wanderung nach Darmstadt seinen Hut schmückt.
Das poetische Abbild des schönen Sommers in Wetzlar und der unvergeßlichen Stunden im„Deutschen Hause“ bildet also den wesentlichen Inhalt des ersten Teiles des Romans. Der Gestalt Werthers hat Goethe die ganze Glut seiner Neigung zu Lotte ein- gehaucht,„denn er war sehr verliebt in sie und bis zum Enthusiasmus“ erzählt Kestner.


