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Werthers Liebe erhielt allerdings eine eigentümliche Färbung, denn der Dichter wollte in der Person seines Titelhelden einen Typus schaffen, in dem die weltschmerzliche Art jener Zeit, die ganze Zeitkrankheit gipfelte, daher Werthers Ohnmacht, die aussichtslose Leiden- schaft zu überwinden. Werther unterliegt als tatenloser Märtyrer, Goethe besteht den Kampf als tatfroher Sieger. Er erringt den Sieg über sich selbst, er adelt seine Liebe durch die Kraft der Entsagung und erfüllt die sittliche Tat, das Notwendige selbst zu wollen.„Er betrug sich“, wie Kestner ausdrücklich hervorhebt,„auch viel größer als er sich im Werther zum Teil geschildert hat“.
Lotte und Albert sind ihren Vorbildern treu nachgezeignet„Lottens Portrait ist im ganzen das von meiner Frau“, berichtet Kestner seinem Freunde v. Hennings.„Albert hätte ein wenig wärmer sein mögen“.— Doch hat Goethe, poetischen Motiven gehorchend, seine Lotte, deren vorherrschender Charakterzug die gesunde, praktische Denkart war, mit der Empfindsamkeit seiner Zeit ausgestattet. Werthers Leidenschaft mußte eine gewisse Nahrung erhalten dadurch, daß er in ihren Augen innige, verständnisvolle Teilnahme für seinen Gefühlsüberschwang lesen konnte. In die heitere Luft des Wetzlarer Kreises, in dem Lotte Buffs Frohnatur waltete und jedes betrübte Gesicht fröhlich machte, mußte etwas hinüber- geleitet werden von der empfindsamen Atmosphäre der Darmstädter Gemeinschaft der Heiligen. So färbte sich unter des Künstlers Hand leicht das Bild Lotte Buffs, und es entstand die sentimentale Lotte.
Das Verhältnis zwischen Albert und Werther im ersten Teile des Romans entspricht durchaus den Erfahrungen, die Goethe an Kestners edler Gesinnung gemacht hatte. Eine herzliche Freundschaft verbindet auch Werther mit dem Bräutigam Lottes, und er gesteht seinem Freunde Wilhelm gelegentlich der Schilderung der Geburtstagsfreude, die ihm durch den kleinen Wettsteinischen Homer und eine der blaßroten Schleifen von Lottes Ballkleid gemacht wurde, daß er eigentlich allen Grund habe, über dem Verkehr mit solchen Menschen, die ihm täglich ihre Liebe bewiesen, seine Seelenqual zu vergessen.—
Das nach künstlerischer Gestaltung drängende Stimmungsmaterial konnte noch keinen Ausweg aus des Dichters Innerem finden. Es fehlte dem Dicher eine Begebenheit, eine Fabel, die Erlebnisse im Deutschen Hause waren zu harmonisch ausgeklungen, es bedurfte eines tragischen Abschlusses.— Die Nachricht von dem Selbstmorde des jungen Jerusalem füllte die Lücke aus. Der Plan zu„Werther“ war gefunden.
Karl Wilhelm Jerusalem, der Sohn eines bedeutenden und hochgestellten Theo- logen war als braunschweigischer Legationssekretär in Wetzlar tätig. Er war eine tief- angelegte Natur, aber melancholischen Grübeleien sehr zugänglich. Philosopbische Probleme beschäftigten ihn sehr, doch war seine Philosophie, in der die Frage nach der Berechtigung des Selbstmordes im Mittelpunkte stand, keine gesunde.„Das ängstliche Bestreben, nach Wahrheit und nach moralischer Güte hat“ nach der Meinung seines vertrauten Freundes v. Kielmannsegg„sein Herz untergraben“. Die Erkenntnis der dem menschlichen Verstande gesteckten Grenzen machte ihn nur noch unbefriedigter. Eine düstere Lebensanschauung bemächtigte sich seiner immer mehr. Dazu kam, daß gleich im Anfang seiner Tätigkeit sein ausgeprägtes Ehrgefühl durch gesellschaftliche Zurücksetzung auf's schwerste verletzt wurde. Im Hause des Präsidenten Graf von Bassenheim versagte man ihm den Zutritt zu der adligen Gesellschaft. Zwischen ihm und seinem Vorgesetzten, dem braunschweigischen Gesandten bei der Visitation des Reichskammergerichts Hofrat Joh. v. Höfler, einem tückischen
Plebejer, traten auch bald Zerwürfnisse ein, die ihm Verweise vom Hofe zuzogen. So verlor 2*


