Aufsatz 
Die Entstehungsgeschichte der "Leiden des jungen Werther"
Entstehung
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habe ich nicht einmal eine Ahnung von dergleichen Betrachtungen bemerken können unterdrückte gar bald Kestners Zweifel. Es zeugt von seiner vornehmen Gesinnung, daß er auf die Festigkeit seiner Braut und die Ehrenhaftigkeit Goethes so ganz vertraute. Lotte, so schreibt er an Hennings, gewann bei ihm durch die freundliche Art wie sie Goethe zu behandeln wußte, ohne irgend welche Hoffnung in ihm aufkommen zu lassen;ihr Betragen gegen ihn gab wiederum ein Muster ab; und auch Goethe selbst wurde ihmals Freund werter. Die beiderseitige Neigung zu demselben Mädchen knüpfte dasfesteste Band der Freund- schaft zwischen ihnen.

Goethes Neigung zu Lotte war sicherlich eine echte, tiefgefühlte und keine bloße Dichterschwärmerei, wie behauptet worden ist. Der herzliche Ton, in dem er fast drei Jahr- zehnte in seinen Briefen an Kestner von ihr spricht, wäre sonst nicht zu erklären. Ein uns innig anmutender, freier, froher Verkehr entwickelte sich zwischen dem Brautpaar und dem Freunde. Daß der Dichter die kleinsten Einzelheiten jener glücklichen Zeit dauernd in dankbarer Erinnerung behielt, beweist uns sein Briefwechsel fast auf jeder Seite. Im April 1773 ist Anna Brandt aus Wetzlar zu Besuch in Frankfurt.Ihre Gegenwart, schreibt Goethe,hat alles Andenken an Euch wieder aufbrausen gemacht, mein ganzes Leben unter Euch, ich wollt alles erzählen bis auf die Kleider und Stellungen so lebhaft, sie mag Euch sagen, was sie kann. So brauchte Goethe nur in den Schatz seiner noch frisch fortlebenden Erinnerung hineinzugreifen, um imWerther ein Gemälde zu zeichnen, das sowohl in großen Umrissen als auch in der Ausarbeitung der einzelnen Züge eine lebenswahre Wiedergabe der Wetzlarer Zeit darstellte.

Goethe, von amtlichen Fesseln nicht beengt, konnte seine ganze reichliche Muße dem Verkehr mit dem angebeteten Mädchen widmen, während Kestner mit Geschäften derartig überlastet war, daß er nur eine Stunde nach Tisch und den Abend für Lotte erübrigen konnte. So war Goethe bald Lottes gern gesehener, steter Begleiter. Eine ausgedehnte Wirtschaft auf Xckern und Wiesen erforderte oft Lottes Anwesenheit. Goethe stand ihr da zur Seite und wurde auch mit praktischen Verrichtungen betraut; so erinnert er sich mit Vergnügen, wie er Johannistrauben zu pflücken und Quetschen zu schütteln sich ehedessen wünschte, heute, morgen und übermorgen und sein ganzes Leben. Die nahegelegenen Lieb- lingspunkte Goethes wurden besucht und bei einem solchen Spaziergang wird sich die liebliche Szene am Wöllbacher Brunnen zugetragen haben, wo das kleine Malchen den barterzeugenden Kuß Werthers eifrig abwäscht. Auch längere Ausflüge in Kestners Begleitung wurden gemacht z. B. nach Atzbach, wo die Familie des Rentmeisters Rhodius wohnte. Während der Krankheit der Frau Rhodius, die von Lotte gepflegt wurde, erfuhr Goethewas Lotte einem Kranken sein muß.

Die Stunden reinsten Glückes erlebte man im Deutschen Hause selbst. Goethe wurde gar bald der Freund der zahlreichen Kinderschar.Wollte ich säße noch zu Lottens Füßen und die Jungen krabbelten auf mir herum, schreibt er bald nach seiner Rückkehr ins Elternhaus an Kestner, und wir stellen uns Lotte, das Hausmütterchen vor, beschäftigt mit ihrer Handarbeit, welche dasstrohern Kistchen enthielt, während der Freund mit den Kindern tollte oder die muntere Schar durch Märchen, die ihm noch aus der eigenen Kinder- zeit nachklangen, zum Schweigen brachte. Am Abend kam Kestner, um im Kreise seiner Lieben Erfrischung von seiner anstrengenden Berufsarbeit zu suchen. In traulicher Familien- runde, bei der auch derliebe Vater nicht fehlte, Goethe zu Lottes Füßen sitzend und an der Garnierung ihres Kleides spielend, mag das Gespräch oft auf Lottes Mutter