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ganges mit Gotter. Er fand ihn im Grase unter einen Baume liegend in anregender, philo- sophischer Unterhaltung mit einigen Freunden. Der empfangene Eindruck muß ein nach- haltiger gewesen sein, denn wir besitzen in einem erhaltenen Briefentwurf Kestners eine eingehende, recht günstige Beurteilung des neuen Bekannten. Er spricht lobend von den vielen Talenten des jungen Goethe, der ein wahres Genie, ein Mensch von Charakter sei, von seiner lebhaften Einbildungskraft, die ihn meist in Bildern sprechen lasse, von seiner edlen Denkweise und seiner eigenmächtigen Art, sich sein Dasein nach eigenem Belieben zu gestalten ohne Rücksicht auf herrschende Ansichten. Kestner kommt zu dem Schlusse, einen„nicht unbeträchtlichen, sehr merkwürdigen“ Menschen kennen gelernt zu haben.
Kestners hervorstechendster Charakterzug ist unbedingte Pflichttreue, ihr ordnete er seine Privatangelegenheiten unter. Goethe rühmt sein ruhiges gleiches Betragen, seine Be- stimmtheit in Rede und Handlung. Kußerungen aus Kestners Tagebuche, sowie einzelne Briefstellen Goethes geben uns das Bild eines zuverlässigen, zielbewußten, seiner selbst sicheren und in seiner Entwicklung abgeschlossenen Mannes. Schön sagt Goethe von ihm am 19. Juli 1773:„Euch kanns an Beförderung nicht fehlen. Ihr seid von der Art Menschen, die auf der Erde gedeihen und wachsen, von den gerechten Leuten und die den Herrn fürchten, darob er Dir auch hat ein tugendsam Weib gegeben, des lebest Du noch eins so lange“.
Kestner war jedoch keineswegs nur der trockne Jurist, dessen Interessensphäre über die geschäftlichen Obliegenheiten nicht hinausdrang. Wohl besaß der gesetzte Mann, der zur Teil- nahme an der ausgelassenen Rittertafel der Legationssekretäre und Praktikanten im„Kron- prinzen“ weder Zeit noch Lust hatte, nichts von dem sprühenden Feuer seines jüngeren Freundes und konnte im Vergleich zu diesem vielleicht nüchtern erscheinen, doch war es sein stetes Bemühen, den Kreis seiner Interessen zu erweitern. Er trieb moderne Sprachen und ihre Literaturen, und seine Freundschaft mit Gotter, mit Johann Georg Christoph Lichtenberg und dem Holsteiner August von Hennings, der später als politischer Schrift- steller und Herausgeber des„Genius der Zeit“ sich einen Namen machte, und namentlich auch das innige Verhältnis, in das er zu Goethe treten konnte, beweisen, daß sein Geist der Regsamkeit nicht entbehrte. Auch aus Goethes Briefwechsel gehen die vielfachen gemein- samen Interessen beider hervor. Goethe berichtet dem Brautpaare und später dem Ehe- paare gewissenhaft über den Fortgang seiner Arbeiten, schickt ihm seine Produktionen teils im Druck, teils im Manuskript zu und vermittelt die Uebersendung von Zeitschriften z. B. Wielands Merkur, der Iris der Gebrüder Jacobi, des Göttinger Musenalmanachs und der Frankfurter Gelehrten Anzeigen. Über bedeutende literarische Erscheinungen wie den „Oberon“ findet ein Gedankenaustausch statt.
Das Freundschaftsverhältnis zwischen diesen beiden Männern ist der wundersamsten eins. Goethe muß das Verlöbnis Lottes bald erfahren haben,— die Verlobung war damals noch nicht veröffentlicht,— aber er vermochte es nicht, sich von ihr fernzuhalten. Seine wachsende Neigung zu Lotte wurde von ihrem Bräutigam wohl bemerkt, doch nicht eine Spur kleinlicher Eifersucht drängt sich in ihr Verhältnis ein. Wohl quälte Kestner in unruhigen Stunden der Gedanke, er könne neben dem genialen Jüngling nicht bestehen, er vermöge nicht Lotte so glücklich zu machen wie jener. Wir besitzen ein, für seine Braut bestimmtes, im wärmsten, selbstlosesten Tone gehaltenes Briefkonzept, in dem er seine Bereit- willigkeit, sein Glück dem ihrigen zu opfern ausspricht; aber Lottes unbeirrte Gesinnung, in der schlichte Treue den Vorzug erhielt vor den glänzendsten Gaben—„an Lottchen


