Aufsatz 
Die Entstehungsgeschichte der "Leiden des jungen Werther"
Entstehung
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von Goethe erlebt. Auch die Schilderung des Balles wird im wesentlichen den Tatsachen entsprechen; in zwei Punkten ist Goethe jedoch abgewichen; er wußte am Tage des Balles noch nicht, daß Lotte nicht mehr frei war, und Kestner fehlte nicht beim Balle wie Albert imWerther, sondern er kam, durch Geschäfte in der Stadt zurückgehalten, später zu Pferde nach. Der Dichter brauchte im Roman eine längere Abwesenheit Alberts als poetisches Motiv; die Leidenschaft sollte sich in Werther erst zu voller Glut entfachen.

Goethe wurde von Lottes Anmut ganz und gar gefesselt, um so mehr als sie, wie Kestner berichtet, sich keine Mühe darum gab, sondern in unbefangener Heiterkeit und Natürlichkeit den Freuden des Tanzes sich überließ.

Von nun an beginnt Goethes Verkehr im Deutschordenshause. Der nächste Morgen führt ihn dorthin, sich nach Lottes Befinden zu erkundigen; hier findet er eine traute Stätte echt deutschen Familienglücks, an welcher er bald täglicher Gast wird. Dankbar setzte er diesem Hause in der Dichtung ein Denkmal. Die damals neunzehnjährige Lotte hatte an ihren zahlreichen jüngeren Geschwistern die Stelle der verstorbenen Mutter zu vertreten; freudig erfüllte sie diese schwere Pflicht. Goethe lernte sie nun auch von ihrer häuslichen Seite kennen. Die Verbindung des Mädchenhaften und Hausmütterlichen in ihr mußte seine herzliche Neigung für das Mädchen nur noch vermehren.

Die Entbehrung des Frankfurter Freundeskreises und des Verkehrs mit seinen Darm- stadt-Homburger Freundinnen Karoline Flachsland, der Braut Herders, und den Hofdamen Luise von Zigler und Henriette von Roussillon, in deren empfindsamer Runde Goethe sich besonders wohl fühlte, hatteneine Leere in seinem Busen veranlaßt. Um so empfäng- licher war er für den Zauber der Holdseligkeit Lottes. Ihre frische, gesunde Natur, ihr Frohsinn, den sie auch ihrer Umgebung mitzuteilen verstand, ihre bei allem Mutwillen ernste Lebensauffassung, kurz die ganze Harmonie ihres Wesens bildete das Anziehende für Goethe. Er nennt sich selbst müßig und träumerisch, weil ihm keine Gegenwart genügte; eine amt- liche Tätigkeit hatte er nicht und in seinen künstlerischen Plänen herrschte zwischen Wollen und Vermögen noch peinvolle Inkongruenz. In Lotte fand er was ihm fehlte. Sie bot ihm ein erquickendes Bild eines durch frohe Pflichterfüllung beglückten Daseins. Das hatte doch frischere Farben als der gesucht zarte, von ätherischer Gefühlsseligkeit überfließende Verkehr mit Psyche, Lila und Urania des Darmstadt-Homburger Kreises, die in erträumter Gefühlswelt schwärmten.

Lottes ernste Tätigkeit ließ ihr wenig Zeit sich in schöngeistiger Beschäftigung zu verlieren; wohl besaß sie wahre Empfindungfür das Schöne der Natur, aber sie war frei von der künstlichen Empfindsamkeit, welche die Frauenwelt der damaligen Zeit charak- terisierte. In ihrem Tun und Denken behielt ihr gesunder Wirklichkeitssinn die Oberhand; ihr Blick war, nach Kestners Schilderung, wie ein heiterer Frühlingsmorgen; und Goethe selbst urteilte über sie, wie Kestner an von Hennings am 18. November 1772 schreibt,er hätte noch kein Frauenzimmer gesehen, das so von den gewöhnlichen weiblichen Schwach- heiten frei wäre und doch so ganz Mädchen wäre.

Und nun ihr Bräutigam Kestner, der Albert des ersten Teils des Romans.

Ein inniges Verhältnis sollte ihn und Goethe, diese zwei so ungleichartigen Männer, für Lebenszeit verbinden. Kestner, der pflichteifrige Beamte, Goethe, der jedem einengenden Amtszwange abholde Dichterjüngling, der in genialer Ungebundenheit den Aufenthalt in Wetzlar seinen Neigungen anpaßte.

Kestner machte die Bekanntschaft Goethes in Garbenheim gelegentlich eines Spazier-