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Pindar zu studieren und diejenigen Beschäftigungen vorzuziehen, die„sein Genie“ und„sein Herz“ ihm eingaben. Noch nach Jahresfrist gesteht er seinem Freunde Kestner offenherzig, daß unter all seinen Talenten die Jurisprudenz der geringsten eins sei. Für einen vorwärts- schreitenden Jüngling, so sagt er selbst in Dichtung und Wahrheit, war doch hier kein Heil zu finden. So floh er denn die staubige Aktenluft, und aus der winkligen Stadt heraus lockte ihn die reizende Umgebung.— Ein abwechslungsreiches Gelände zeichnet die Gegend um Wetzlar aus; überraschende Fernsichten wechseln ab mit lieblicher, auf engen Raum beschränkter Kleinlandschaft. Einzelne Lieblingspunkte fesselten Goethe besonders, der Brunnen vor dem Wöllbacher Tore, der von dem Kammergerichtsprokurator Ph. L. Meckel am Abhang des Lahnberges terrassenförmig angelegte Garten— die sogenannte Meckels- burg—, der eine weite Fernsicht bot über das schimmernde Flußtal der Lahn, und nament- lich das Dorf Garbenheim, im Roman Wahlheim genannt; hier weilte Goethe mit besonderem Vergnügen, hier las er seine Griechen und schwelgte in der Ausmalung homerischen und patriarchalischen Lebens. Vor allem zog ihn auch der von zwei Linden beschattete Platz vor der Kirche an, und wir dürfen annehmen, daß die anmutige Schilderung des Ortes und seiner Bewohner, deren unverfälschte Natürlichkeit ihn erfreute, und die Szene zwischen dem zeichnenden Werther und den Buben der jungen Wirtin auf Wirklichkeit beruht, denn solche fein malenden Genrebildchen sind stets erlebt.
Mit tiefer Andacht versenkte sich Goethe in die Schönheiten der Natur, und„das innige Anklingen“ auch an die kleinsten Vorgänge,—„das Mitstimmen ins Ganze“, die volle Würme der Naturbetrachtung, deren er selbst fähig war, verlieh er auch seinem Werther; nur mit dem Unterschiede, daß der Held des Romans sich in dem Wonnegefühl verliert, welches auch der kleinste Gegenstand ihm einzuflößen vermag, daß er, von der Stärke seiner Empfindung überwältigt, die Fähigkeit zu gesundem Schaffen, zur künstlerischen Wiedergabe
des Empfundenen entbehrt, während der Dichter selbst trotz aller Innigkeit, mit der er sich seinen Gefühlen überließ, den Zusammenhang mit sich selbst nie verlor und das Empfundene als künstlerischen Vorrat in sich aufzunehmen verstand.— Auch ist Werther mit Kunst- anschauungen ausgestattet, welche der Führer der Stürmer und Dränger schon durch die Tat als die seinigen erwiesen hatte; nur die Natur bilde den echten Künstler, jede Regel zerstöre das wahre Gefühl von Natur, den wahren Ausdruck derselben. Wir vernehmen den Nachhall der Stimme des großen Naturevangelisten Jean Jacques Rousseau. Der 9. Juni führte Goethe mit Lotte Buff zusammen, die auf lange hinaus seinem Leben den Inhalt gab und ihn zur Schöpfung der lieblichen Frauengestalt seines Romans begeisterte. Die im„Werther“ geschilderte Einleitung der Bekanntschaft geht auf wirk- liche Vorgänge zurück. Junge Leute vom Reichskammergericht hatten im Jagdhause des nahe bei Wetzlar gelegenen Dorfes Volpertshausen, einen Ball arrangiert.„On sy rendit le soir en carrosses et à cheval et on revint le lendemain matin“, meldet Kestners Tagebuch. Goethe holte, mit seiner Kusine Johanette Elisabeth Christine Lange, Lotte aus dem Deutsch- ordenshofe ab. In der Dichtung wohnt der biedere Amtmann nicht in der Stadt, sondern auf einem 1 ½ Stunden entfernten fürstlichen Jagdhofe ¹). Die allerliebste Scene, wie Lotte im einfachen Ballstaat ihren jüngeren Geschwistern das Vesperbrot austeilt, wurde sicherlich
¹) Vgl. Gloël S. 135. Der Amtmann wohnte in der Tat zeitweise außerhalb der Stadt in dem fürst- lich nassauischen Forsthause am Fuße des Stoppelberges, allerdings nicht während Goethes Anwesenheit in Wetzlar. Vgl. Herbst S. 110. 1


