Aufsatz 
Die Entstehungsgeschichte der "Leiden des jungen Werther"
Entstehung
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und künstlerischer Neigung, der Gegensatz zwischen den Forderungen des Herzens und denen der Welt hatten eine hochgradige Spannung und Unruhe in ihm erzeugt. Briefliche Ausrufe wie:Heilige Musen reicht mir das Aurum potabile, Elixir vitae aus euren Schalen, ich verschmachte. Was das kostet in Wüsten Brunnen zu graben und eine Hütte zu zimmern Ich wandre in Wüsten, da kein Wasser ist, meine Haare sind mir Schatten und mein Blut mein Brunnen undmeine arme Existenz starrt zum öden Fels kennzeichnen seine Stimmung. Die Grille des Selbstmords, hervorschielend aus denfinstersten Höhlen seines Verdrusses, der Gedanke, das Leben nach Belieben verlassen zu können, hatte sich auch bei ihm eingeschlichen. Noch im Jahre 1812 gedenkt er der einstigen Krisis in einem Briefe an Zelter:Ich weiß recht gut, was es mich für Entschlüsse und Anstrengungen kostete, damals den Wellen des Todes zu entkommen.

Goethe überwand alle quälenden Empfindungen und Erinnerungen dadurch, daß er ihnen literarischen Ausdruck verlieh; die Frucht und Krönung dieses Ringens ist der große WeltschmerzmonologDie Leiden des jungen Werthers.

Ich fühlte mich wie nach einer Generalbeichte wieder froh und frei und zu einem neuen Leben berechtigt. Das alte Hausmittel war mir diesmal vortrefflich zu statten gekommen. Diese Worte, mit denen Goethe inDichtung und Wahrheit die Stimmung bezeichnet, in die ihn der Abschluß derLeiden des jungen Werthers versetzt hatte, zeigen, welch innerlicher Zusammenhang zwischen Dichtung und Wirklichkeit dem Roman zu Grunde liegt.

Briefstellen aus dem Frühjahr 1774, welche dem mit Goethe befreundeten Ehepaar Kestner das Erscheinen des Romans ankündigen, geben unserem Forschen ganz bestimmte Richtung:Adieu Ihr Menschen, die ich so liebe,(daß ich auch der träumenden Darstellung des Unglücks unseres Freundes die Fülle meiner Liebe borgen und anpassen mußte.) Die Parenthese bleibt versiegelt bis auf weiters.Adieu liebe Lotte, ich schick' Euch ehstens einen Freund, der viel Khnlich's mit mir hat, und hoffe, Ihr sollt ihn gut aufnehmen, er heißt Werther, und ist und war das mag er Euch selbst erklären.

Bei der Untersuchung, inwieweit persönliche Erlebnisse des Dichters im Roman künstlerische Verwertung erfahren haben, ist zwischen dem ersten und dem zweiten Teile streng zu scheiden.

Der Aufenthalt zu Wetzlar in den Sommermonaten des Jahres 1772 und der Verkehr in dem Hause des Deutschordensamtmanns Heinrich Adam Buff bildeten die Grundlagen, auf denen sich die herrlichste Schöpfung des jungen Goethe erhob. Die zweitälteste Tochter dieses Hauses, Charlotte, diente zum Vorbilde der Lotte für die erste Hälfte des Romans, ihr Verlobter, der bremische Gesandtschaftssekretär Johann Christian Kestner ist Albert; der Dichter selbst ist im ersten Teile mit Werthers Gestalt innig verwoben.

Wenn auch Goethe das Erlebte mit poetischer Freiheit verwertete, so hat er sich daneben doch eng an die Tatsachen angeschloßen, und die frisch sprudelnden Briefe des Dichters, die er an Kestner und Lotte in den Jahren 1772 1774 schrieb, beweisen, daß er neben den bedeutenden Ereignissen auch kleine, ja kleinste Züge aus seinem Wetzlarer Leben mit kunstreicher Hand seinem Gemälde eingefügt hat.

Goethes Vater hatte für die juristische Fortbildung seines Sohnes auch das Studium des Reichsprozesses am Reichskammergericht zu Wetzlar bestimmt. Am 25. Mai 1772 wurde Goethe als Praktikant daselbst immatrikuliert. Doch die kläglichen Zustände dieses obersten deutschen Gerichtshofes, der schleppende Gang der Geschäfte bestimmten den jungen Prakti- kanten, anstatt nach dem Willen seines Vaterssich in praxi umzusehen, den Homer und