Aufsatz 
Die Entstehungsgeschichte der "Leiden des jungen Werther"
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die Entstehungsgeschichte derLeiden des jungen Werthers.)

Von Oberlehrer Dr. phil. Martin Lauterbach.

Die Jahre 1773 und 1774 waren von entscheidender Bedeutung für Goethes literarische Laufbahn. Im Juni 1773 erschien sein erstes großes DramaGötz von Berlichingen. Goethe war nun der namhafteste Dichter Deutschlands, der Führer des jungen Dichtergeschlechts. Das folgende Jahr brachteDie Leiden des jungen Werthers, Goethes ersten großen Roman, welcher den Verfasser zur europäischen Berühmtheit machte und der deutschen Dichtung ihren Platz in der Weltliteratur schuf.

Die begeisterte Aufnahme, welche der Roman fand, war eine ganz beispiellose; in alle Kultursprachen wurde er übersetzt; Fortsetzungen, Nachahmungen, Parodien, Gegen- schriften und Dramatisierungen in Deutschland und im Auslande, Briefe Lottes und Be- arbeitungen des Stoffes in Balladenform überschwemmten den Büchermarkt. Goethe hatte im Werther das Fühlen und Denken seiner Zeit zum Ausdruck gebracht. Das deutsche Volk, ja die ganze Kulturwelt sahen ihr Seelenleben enthüllt; jeder Jüngling erkannte im Titelhelden sein eigenes Abbild. Das erklärt die erschütternde Wirkung des Romans. Im 13. Buche vonDichtung und Wahrheit ist eine erschöpfende Darstellung der damaligen Zeitstimmung gegeben. Deutschland entbehrte alles öffentlichen Lebens; die Teilnahme am Staat, an den höchsten Angelegenheiten der Nation war noch nicht entwickelt So gab die Enge der bürgerlichen Verhältnisse der Jugend keine Gelegenheit, ihre Kräfte im Interesse großer praktischer Fragen zu betätigen. Schrankenloser, genialischer Tatendurst, das Streben nach höchsten Idealen, nach natürlicher, freier Entfaltung des Individuums standen im Widerstreite mit einer erbärmlichen Wirklichkeit. In diesem unbefriedigten Zustande zog man sich scheu in sich selbst zurück. Für dies Herumwühlen und Herumgrübeln in sich selbst gebraucht Goethe die Bezeichnungübertriebene Forderungen an sich selbst, ein- gebildete Leiden. Die Folge dieses Selbstkultus war eine sentimentale Überreiztheit, die schließlich zu weltschmerzlicher Melancholie, zum Lebensüberdruß führte. Goethe selbst war von Anwandlungen dieses Weltschmerzes nicht frei. Der Gegensatz beruflicher Pflicht

1) Wilhelm Herbst, Goethe in Wetzlar. Gotha, Perthes, 1881.

Heinrich Glo 1, Goethes Wetalarer Zeit. Berlin, Mittler, 1911.

Eugen Wolff, Die Leiden des jungen Werthers in Leben und Dichtung.

Berichte des Freien deutschen Hochstiftes zu Frankfurt a. M. 1890. Neue Folge. 6. S. 1027.

Walter Arnsperger, Die Entstehung vonWerthers Leiden. Neue Heidelberger Jahrbücher X. Heidelberg 1900. S. 195217. Martin Lauterbach, Das Verbältnis der zweiten zur ersten Ausgabe von Werthers Leiden.

Quellen und Forschungen CX. Straßburg, Trübner, 1910. S. 89 ff.

1*