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Die Schlussworte sollte nach dem Entwurf Adalbert sprechen, aber ergreifender wirken sie im Munde der Mutter, die nun vom Eide frei die Freundestreue ihres Sohnes verklären und ihre tiefe Liebe zu ihm offen bekennen darf...
In mannigfacher Weise, das haben wir in unserer Betrachtung gesehen, hat das Drama in seiner Ausführung gegen den Entwurf gewonnen. Während der Ausarbeitung musste dem Dichter klar werden, dass sein Held nicht immer im. Vordergrunde des Interesses stand, dass durch die Teilnahme, welche die Hörer an der gewaltigen Gestalt des Freundes und dem Seelen- schmerz der Mutter gewinnen, seine Persönlichkeit wiederholt zu sehr zurückgedrängt wird. Um die Einheit der Handlung zu wahren, musste ihm um so mehr daran liegen die Idee des Stückes mächtig hervortreten zu lassen und deshalb solche Personen und Scenenteile des Entwurfs, welche für diesen Zweck nicht geeignet schienen, zu beseitigen. Es zeugt von weiser Selbstbeschränkung, dass Uhland eine so lockende und dankbare Rolle, wie die der Edelgard gewesen wäre, im Hin- blick auf den Grundgedanken des Dramas aufgab. Gegen den Entwurf ist die Handlung ein- facher und folgerichtiger geworden, zuweilen ist sie mit den Charaktereigenschaften der Personen in besseren Einklang gebracht, wie auch die Charaktere öfter reicher und sorgfältiger ausgearbeitet sind. Immer bleibt es lehrreich, wenn uns ein Dichter von der Bedeutung Uhlands den Entwurf zu einem vollendeten Drama hinterlassen hat, beide mit einander zu vergleichen und an den Anderungen zu beobachten, wie der Gang der Handlung und die Gestaltung der Charaktere gegenseitig auf einander Einfluss üben und wie für beide die im Drama darzustellende Idee das Richtmass bildet.
VI. Schluss.
Wenn wir das Ergebnis unserer Untersuchung über den dramatischen Wert des Herzog Ernst zusammenfassen, so müssen wir als die Schwäche der Tragödie den Mangel an dramati- schem Leben bezeichnen, ein Nachteil, der auch durch manche Vorzüge nicht ausgeglichen werden kann. Es fehlt die leidenschaftliche Spannung, die durch die Entwickelung des tragischen Kon- fliktes erzeugt wird, dem der Held der Tragödie verfallen ist. Da, wo sich dieser Konflikt mit Notwendigkeit in der Brust Ernsts ergeben musste, wo dieser Kampf zwischen der Pflicht gegen den Kaiser und Vater und der Treue zum Freunde so naturgemäss war, da hat es Uhland ver- sůumt ihn ausführlich zu begründen, allmählich zu steigern und durch Wirkung und Gegenwir- kung darzulegen, bis dann durch den folgenschweren Entschluss, der zur Katastrophe führt, die Lösung desselben erfolgt. Für diesen Mangel kann auch die Schilderung des Seelenkampfes in der Brust Giselas keinen Ersatz bieten, denn derselbe ist rein lyrischer Natur, da er nicht zum Entschluss des Handelns führen kann; dazu entsteht hierdurch noch der Nachteil, dass unser Interesse länger, als es für die einheitliche Wirkung des Dramas wünschenswert ist, von dem Haupthelden abgezogen wird.
Derselbe Fehler, dass der Held nicht genug im Vordergrund der Teilnahme steht, wieder- holt sich in noch stärkerem Masse in Ludwig dem Baier. Mit seiner klugen Berechnung und ruhigen Uberlegung ist Ludwig kein dramatischer Charakter; wir vermissen in ihm die starken Gefühle, die Kraft der Leidenschaft, die sich in Liebe und Hass, im Wollen und Begehren wider- spiegelt. Ein solcher Charakter ist für die Entwicklung tragischer Konflfikte nicht geeignet, und deshalb vermag uns die Gestalt Ludwigs nur wenig zu fesseln. Volle Teilnahme gewinnt uns, freilich erst im letzten Aufzuge, die Person Friedrichs ab, denn hier ist wenigstens der Seelen- kampf angedeutet, der für ihn zwischen der Pflicht der Treue und der verlockenden Aussicht auf Freiheit und Macht entstehen muss. Aber wie für Ernst die Treue gegen den Freund, so gilt für Friedrich die Treue des verpfändeten Wortes als so selbstverständlich, dass er auch durch die bitteren Vorwürfe des Bruders und die rührenden Bitten seiner Gemahlin nicht einen Augenblick zu zweifeln und zu wanken veranlasst wird. Eine echt dramatische Figur ist auch der unruhig vorwärts strebende, von der Leidenschaft des Hasses und der Ehrsucht durchglühte, nicht für sich selbst, sondern für den Glanz seines Hauses kämpfende Leopold. Weil der Held des Dramas keinen inneren Kampf durchzumachen hat, weil wir an seinem Seelenleben keinen reichen Anteil gewinnen, so vermag uns der Verlauf der Handlung auch in diesem Schauspiele nicht in die nötige Spannung zu versetzen. Derselbe ist zumal in den drei ersten Aufzügen recht äusserlich; es reiht sich eine Zahl von Bildern aneinander, welche die Folge der Ereignisse veranschaulichen und


