Dasselbe Bild sollte nach dem Entwurf, wie schon erwähnt, Adalbert der Gisela ausmalen, wir würden aber dann den Monolog Werners entbehrt haben, der uns einen Blick in die Tiefe seines Gemüts gewährt..
Düster ist die Färbung des Dramas vom Beginn der Handlung an, von Anfang an geht der Held hoffnungslos seinem Untergange entgegen, das Ideal treuer Freundschaft ist die ein- zige Lichtseite in diesem dunkel gehaltenen Gemälde. In dies Bild hinein passt vortrefflich die Gestalt Warins, die Uhland erst bei der Ausführung neu geschaffen hat. Ursprünglich war ihm nur eine Botenrolle zugedacht; am Schlusse des Dramas sollte er Gisela die Nachricht vom Tode Hermanns bringen. Zu dem Herzog, dessen Untergang gewiss ist, gesellt sich der treue Fähnrich, der mit seiner Schar den Todeskeim der Pest im Busen trägt.
Die zweite Scene des vierten Aufzuges sollte im Entwurf in einem Schlosse des Bischofs Warmann spielen, während sie in der Ausführung in das Lager Mangolds verlegt wird. Werner will Warmann und Mangold, seine Stammverwandten, auffordern die Sache des Kaisers zu ver- lassen und es mit dem Herzog zu halten. Sie werfen ihm dagegen den Trotz vor, durch den er ins Verderben renne, und verlangen von ihm Unterwürfigkeit unter den Kaiser. Nachdem wir in der Exposition die Charaktere Warmanns und Mangolds kennen gelernt haben, kann Werner nur diesen zum Abfall vom Kaiser bewegen wollen, wie es denn nach der Schilderung der Per- sönlichkeit Werners keinen Sinn hat von ihm Nachgiebigkeit und Unterwerfung zu fordern. Werner und Warmann sind uns als zwei starke, in sich gefestigte Charaktere bekannt, die sich nicht beeinflussen lassen. An dieser Anderung können wir sehen, wie die Charaktere, wenn sie vor den Augen des Dichters feste Gestalt gewinnen, ihn zu notwendigen Abweichungen vom Ent- wurf bestimmen können.
Die dritte Scene des vierten Aufzuges war dem Entwurfe nach zum ersten Auftritt des fünften Aktes bestimmt, und zwar mit Recht, denn wir haben schon oben gesehen, dass sie die Einleitung zur Katastrophe bildet. Auch im Entwurf beginnt die Scene mit einem Monolog Ernsts, in welchem er erzählt, dass ihm der Geist seines Vaters als eine Vorbedeutung für sein nahes Ende erschienen sei. In der Ausführung konnte dieser romantische Zug fortbleiben, denn der Held muss seinen nahen Untergang auch ohne dies von selbst vorausahnen. Dagegen lässt der Dichter dem trübgestimmten Helden seinen Glauben an den thatkräftigen, für die Freiheit begeisterten Freund Ausdruck geben.
Im Entwurf bringt Werner die Nachricht, Odo habe den Krieg gegen den Kaiser be- gonnen und zu ihm mäüsse man sich durchschlagen. In der Ausführung ist sein Name wegge- lassen, denn nach der schnöden Abweisung Ernsts war von ihm kein Beistand zu erwarten.
In der Darstellung des Kampfes weicht der Entwurf in verschiedenen Punkten von der Ausführung ab. Nach ihm hat bei Beginn der Scene die Schlacht schon eine Zeit lang gedauert. Ernst und Werner sind mit ihrer Schar von der UÜbermacht des Feindes zurückgeschlagen und sammeln sich zu neuem Angriff, den der schlachttrunkene Werner trotz der Bedenklichkeit Ernsts anordnet. Die Schilderung des Kampfes in der Thalenge war nach dem Entwurf nicht beabsichtigt, denn es bleibt ausser der sterbenden Hedwig niemand auf der Bühne zurück, der das Treffen aus der Ferne mitansehen und die Hörer von dem Verlaufe desselben unterrichten könnte. Dann kehren Ernst und die Seinigen, da sie abermals zurückgedrängt sind, auf die Bühne zurück, unter ihnen der zum Tode verwundete Werner und Adalbert mit seinem erschla- genen Sohn. Als Ernst mit dem nachdrängenden Mangold mitten im Gefecht ist, fällt der Vor- hang noch vor der Entscheidung. In der folgenden Scene, die im Schlosse des Bischofs War- mann spielt, erzählt Adalbert der Kaiserin, dass Ernst von Mangold erschlagen worden sei, worauf er selbst diesem den Todesstoss gegeben habe.
Soll der Hörer in der Ausführung ein anschauliches Bild von der Riesenkraft und dem Heldenmute Werners gewinnen, so muss er ihn mitten im Kampfe sehen, und diesen Blick ge- währt ihm Adalbert, der auf einem Hügel zurückbleibt, durch die lebendige Schilderung des Treffens. Ferner muss Mangold von der Hand Ernsts fallen, denn ihm geziemt es im Wetteifer der Treue den toten Freund zu rächen und an seiner Statt die Drohung zu erfüllen, die dieser einst dem Mangold zugerufen hat. Viel eindrucksvoller ist es auch, dass Konrad, Gisela und ihr Gefolge auf dem Schlachtfeld selbst erscheinen. Zugleich wird dadurch der Scenenwechsel vermieden, und auf die möglichste Einheit des Ortes innerhalb der Aufzüge hat Uhland offenbar in unserer Tragödie Wert gelegt. 3


