Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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Mit Hugo tritt im Entwurf zugleich seine Tochter Edelgard auf, der auch im Verlauf des Dramas eine weitere Rolle zugedacht war. Im dritten Aufzuge kommt sie zu Gisela, die bei ihr Mutterstelle vertreten will, lernt Mangold kennen, der nach ihrer Hand trachtet, bleibt aber Ernst getreu, dem sie trotz der Warnung ihres Vaters einen Ring übersendet, und geht zuletzt nach dem Tode Ernsts in ein Kloster. In einem Drama, das die unerschütterliche Treue zweier Freunde zum Gegenstande haben soll, durfte das Interesse nicht auf die Geschicke der Liebenden abgelenkt werden, und deshalb hat der Dichter Edelgard in der Ausführung nicht handelnd auftreten lassen und uns nur im Berichte ihres Vaters ihren frommen und ernsten Sinn und ihre treue Liebe geschildert. Wie treu ergeben Hermann seinem Bruder, Edelgard ihrem Geliebten war, das konnten in dem ausgeführten Drama beide nicht selbst bekennen, aber es musste doch gesagt werden, weil die Hingebung solch edler Gemüter an den Helden einen ver- klärenden Schimmer auf seinen eignen Charakter wirft. Aber einer durfte nur übrig bleiben, der dem Verlassenen zur Stütze diente, sein treuer Werner.

Im Entwurfe des dritten Aufazuges tritt unmittelbar nach dem Weggange Hugos Adal- bert bei Gisela ein, und erst nach diesem Auftritte erscheinen der Kaiser und Mangold, worauf der Akt nach einer Zwischenscene, in der Edelgard dem aus der Kapelle zurückkehrenden Adalbert den Ring für Ernst übergibt, mit der Verzweiflung des Mutterherzens abschliessen sollte. Adalbert erscheint aber besser in dem Augenblicke, wo die Mutter den nahe bevorstehenden Untergang ihres Sohnes erfahren hat und sie nun um sein Leben namenlos bangt, weil da seine Vorwürfe für Gisela am eindrucksvollsten sein müssen, und dies hat wohl die Umstellung beider Scenen veranlasst.

Im Entwurf erzählt Adalbert auch, wie er dem mutigen Hermann auf den Alpen begegnet und im Schwarzwald Ernst im Schosse Werners schlafend getroffen habe, um das Bild der Söhne der Mutter lebendig vor die Augen zu stellen und dadurch ihr Herz zu rühren. Nach der Umstellung der Scenen war dies unnötig, denn sie hat eben von Mangold gehört, dass ihr Sohn obdachlos im Schwarzwald mit Werner umherirre.

Gisela zeigt im Entwurfe zwar auch, wie ihre Wirksamkeit als Kaiserin Gott wohl- gefälliger sein müsse als ein totes Klosterleben, sie vermag aber nicht in Adalbert die Uber- zeugung zu erwecken, dass sie auf diese Weise ihren Scelenfrieden erwerben könne. Er bleibt bei dem Glauben, dass sie der Ehe mit dem Kaiser als dem Feind ihrer Söhne entsagen müsse, und fasst von selbst den Entschluss nur noch für Ernst zu leben. Dann geht er in die Kapelle, um vor seiner Abreise zu beten. Wie sehr hat Uhland den Gedankeninhalt dieser Scene in der Ausführung zu vertiefen gewusst! Adalbert, der in der Angst seines Gewissens als Einsiedler seine Sünden weiter büssen will, wird durch die siegende Macht der Beredsamkeit, mit der ihm Gisela den Segen eines werkthätigen, aus der Liebe schöpfenden Lebens darstellt, dazu vermocht sie, die er so schwer verklagt, als seine Retterin aus seiner Seelennot zu preisen und dem ge- ächteten Herzog hilfreich beizustehen.

Auch von der Erwähnung der Sage von Herzog Ernst durch Mangold und von ihrer symbolischen Auslegung durch Gisela ist im Entwurf keine Rede.

Der vierte Aufzug beginnt im Entwurf mit einem Gespräche der Kinder Adalberts, Irwins und Hedwigs, welche von der Jagd kommen und sich Vorwürfe machen, dass sie trotz des Verbotes ihres Vaters der Jagd und anderen Vergnügungen nachgehen. Hedwig giebt ihre Neigung zu ihrem Nachbarn Mangold kund, den sie auf der Jagd kennen gelernt hat. Dann erscheint Adalbert und zerbricht, als er seine Kinder erkennt, im Zorn über ihren Ungehorsam ihre Bogen. Diese Scene hätte mit der Haupthandlung in keinem Zusammenhang gestanden; auch würde die Person des Grafen Mangold über Gebühr hervortreten, wenn der Hörer an dessen Liebesabenteuern Interesse gewinnen soll. Sein Ehrgeiz und die Haltlosigkeit seines Charakters sind uns bekannt, auch ohne dass wir erfahren, wie er sein Verhältniss zu Hedwig nur als ein Spiel in müssiger Einsamkeit ansehe und sein Streben nach dem Besitze Edelgards, der Ver- wandten des Kaisers, gehe. Hatte der Dichter die Rolle der Edelgard fallen lassen, um wie viel mehr musste er dann die der Hedwig beseitigen! Sie sollte zuletzt auch am Kampfe teil- nehmen und von der Hand Mangolds fallen. Der Sohn Adalberts tritt in der Ausführung später nur als stummer Spieler auf.

Für diese unbedeutende Scene hat Uhland an die Spitze des vierten Aufzuges das schöne Bild gestellt, wie der männlich starke Werner den vertrauenden Freund schlafend im Schosse hält.