Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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nahm, teilweise schon vor der Ausführung geplant, so hat er sie eben nicht niedergeschrieben; wahrscheinlicher ist freilich, dass sich ihm die Notwendigkeit hierzu öfter erst während der Aus- arbeitung aufgedrängt hat. Wir wollen den Gründen nachzugehen versuchen, welche ihn be- stimmt haben so häufig vom Entwurfe abzuweichen.

Im ersten Aufzuge wird zunächst die Rolle Hermanns im Vergleich zum Entwurf be- schränkt. Hier erzählt er, als er mit Ernst ankommt, wie das Austreten des Rheinstroms ihre Reise verzögert habe, und als er an Ernsts Stelle mit dem schwäbischen Banner belehnt wird, erklärt er, er wolle es seines Bruders würdig führen und es ihm zurückgeben, sobald dieser sich mit dem Kaiser versöhnt habe. Es war nicht angemessen, dass Hermann seine brüderliche Gesinnung vor dem erzürnten Kaiser und den versammelten Fürsten kundgab, zumal die Aus- führung dieser Absicht unmöglich scheinen musste. Um uns aber über die treue Zuneigung Hermanns zu seinem Bruder nicht in Zweifel zu lassen, berichtet Warin im vierten Akte, wie derselbe sterbend seiner gedacht und ihm das Banner übersandt, das er für ihn allein bewahrt und mit Ruhm bekränzt habe. Im Entwurf wird dem Bischof Warmann der geschichtlichen Uberlieferung gemäss die Verwaltung des Herzogtums Schwaben für den jugendlichen Hermann übertragen; soll dieser aber imstande sein das Heer nach Italien zu führen, so muss er auch reif genug hingestellt werden, um selbst das Herzogtum zu verwalten. In der Ausführung ist von einer Verwesung des Herzogtums durch Warmann nur zu der Zeit die Rede, wo Ernst auf dem Gibichenstein gefangen sitzt. 3

Als Kriegsknecht verkleidet, ist Werner im Entwurfe unerkannt bei der Achtung Ernsts gegenwärtig und hebt den Handschuh auf, den der Kaiser zu Boden wirft; aber dann bleibt es unerklärlich, warum Werner seinem Freunde nicht sofort folgt und ihn erst auf der Heerstrasse bei Basel trifft. Diese Unwahrscheinlichkeit mag dem Dichter schon bei wiederholter Durchsicht des Entwurfs aufgefallen sein, wenigstens hat er die Stelle, in der uns erklärt wird, wie Werner in den Saal der Reichsversammlung gelangen konnte, eingeklammert. Dafür hat er an den Rand die Worte:Warmann und Mangold geschrieben und hiermit auf die Absicht hingedeutet an dieser Stelle das Gespräch einzuschalten, mit dem jetzt die zweite Scene beginnt. Ohne die Vorführung dieser Gegenspieler wäre die Exposition des Dramas unvollständig geblieben, und somit ist Uhland durch die Einfügung dieses Auftrittes einer Anforderung an den kunstgemässen Bau der Tragödie gerecht geworden. Die Bekanntschaft mit ihren Charakteren und Plänen war zum Verständnis des Verlaufs der Handlung notwendig.

Die Vorgeschichte Ernsts ist in der Einleitung weiter ausgeführt, als nach dem Entwurf beabsichtigt schien. Wenn der Kaiser von seiner Milde gegen seinen Stiefsochn nach dessen erster Empörung erzäühlt, so ist das nötig, um nicht seine unerbittliche Strenge in zu grosser Schroffheit hervortreten zu lassen und dadurch zu falscher Beurteilung seines Charakters zu ver- leiten. Nachdem dann Mangold auch der Vorgänge auf dem Tage zu Ulm gedacht hat, kann im Gegensatz zum Entwurf als erste Bedingung von Ernst verlangt werden, er solle an keinem von denen, die ihn an diesem Tage verlassen hätten, Rache nehmen. Auf Burgund hat er in der Ausführung schon vor Beginn der Reichsversammlung durch förmlichen Vertrag verzichtet.

Im Entwurf gelobt Gisela erst im Beginn der Reichsversammlung, sie wolle an niemanden für das, was Ernst widerfahre, wenn er den Vertrag nicht halte, Rache nehmen, während sie in der Ausführung diesen Schwur schon vor der Ankunft ihres Sochnes thut und dem Eide noch hinzufügen muss, dass sie dann auch beim Kaiser nicht mehr für ihn bitten wolle. Wenn sich ihrer gepressten Brust trotzdem der angstvolle Ruf entringt:Erbarmen meinem Sohn!, so ist damit der unsägliche Schmerz und die starke Liebe des Mutterherzens aufs ergreifendste dar- gestellt.

Im zweiten Aufzug treffen Odo und Hugo im Entwurf nicht zusammen. In ihrem Zwiegespräch hat der Dichter Gelegenheit gefunden die beiden entgegengesetzten Charaktere einander gegenüber zu stellen. Zugleich hat er auch durch die ernste Warnung, die Hugo dem tollkühnen Odo gibt, auf die Notwendigkeit seines Unterganges hingedeutet, der am Schlusse des fünften Aufzuges berichtet wird, und dadurch dem dramatischen Grundsatze entsprochen neue Ereignisse, die im Verlaufe der Handlung eintreten, im voraus zu begründen. Was Hugo von dem Wankelmut der burgundischen Grossen erzählt, das berichtet im Entwurfe Odo selbst. Der Charakter Hugos ist dadurch veredelt, dass er nicht, wie zuerst beabsichtigt war, ängstlich vor dem geächteten Ernst zurückweicht, sondern ihm seine ganze Teilnahme entgegenbringt.