Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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Das Kolorit des Dramas hat der Dichter noch dadurch verstärkt, dass er auch der Sprache eine entsprechende Färbung gab. Mit sinnlicher Kraft ist die Rede ausgestattet, körnig und markig ist oft der gewählte Ausdruck, reich an Bildern ist die Sprache. Manches veraltete oder volkstümliche Wort hat er an rechter Stelle verwendet; nur ganz selten hat er aus seiner reichen Kenntnis des alten Sprachschatzes ein Wort geschöpft, dessen Sinn dem heutigen Sprach- bewusstsein nicht mehr deutlich ist. Auch in den Konstruktionen findet sich manches Alter- tümliche. Dabei merkt man nichts Absichtliches, nichts Gekünsteltes, die Rede ist wie aus einem Gusse geformt, das ihr eigne Gepräge erstreckt sich über alle ihre Teile. Es liegt ein beson- derer Reiz in der Sprache Uhlands; in ihrer schlichten Einfachheit und edlen Würde trägt sie das Merkmal seiner Persönlichkeit. Und in dieser prunklosen und doch so schönen Sprache hat er die Töne gefunden, welche die verschiedenen Stimmungen der Personen wiedergeben, von der leidenschaftslosen Verhandlung, in der sich Ansicht wider Ansicht stellt, bis hin zu der starken Bewegung des Gemüts, die im Gebete ihren Ausdruck findet. Uhlands Sprache ist nicht das Ergebnis fremder Nachahmung, sie ist sein eigenster Besitz, sie kleidet seine Gedanken in ein Gewand, das nur ihnen eigentümlich ist.

Wir haben unserm Drama oben einen epischen Charakter beigemessen, und dieser Charakter macht sich auch in der Behandlung des Verses bemerkbar. Ruhig wie in der Erzäh- lung gleiten oft die Verse dahin, und nur wenn sich die leidenschaftliche Erregung in bewegter Rede widerspiegelt, gewinnt auch der Vers einen mehr dramatischen Charakter. Mannigfaltig wird der Bau der Verszeilen durch den reichen Wechsel der Cäsur; auch zwei und selbst drei Einschnitte finden sich in derselben Zeile nicht selten; Vers 715 hat sogar vier Cäsuren. Am Schlusse der Verszeilen tritt nicht immer eine wenn auch noch so geringe Pause ein, sondern mehrmals stehen da ein oder zwei Worte, die mit dem folgenden Verse in untrennbarem Zu- sammenhang stehen. Auch dies Mittel trägt ebenso wie der Wechsel der Cäsuren dazu bei die Einförmigkeit und den Gleichklang der Verszeilen zu verhüten. Am Schlusse des ersten Aufzuges hat Vers 445 nur drei Jamben; in dem mächtigen Nachhall der Worte:Von Werner lass' ich nicht! findet er seine Vollendung. Auch Vers 1840 hat drei und Vers 1886 vier Naüben die fehlenden Versfüsse werden durch die Pause ersetzt, die an beiden Stellen not- wendig ist.

Im Anfange der Zeilen tritt wiederholt ein Trochäus statt des Jambus ein, nicht nur in Formen wie:nahm ich, auf mich, in der, sondern auch in zwei- und mehrsilbigen Wörtern: damals, einsam, unheimlich. Die schwebende Betonung findet sich öfter auch im Innern des Verses bei Zusammensetzungen:Statthalterschaft, Landflüchtige, Weltalter, Rechtfertigung, Fürbitterin, Herberge, Unglücklichen, zwiefache, vormal'gen, schmerzvolles, wohlthätig, ruhm- würdig, unschuldig, hochherzige, urteile, auflehnte, rechtfert'gen, vorschreibt, umkehren, anwachsen, aufbäumt. Auffällig ist die Betonung Hubert in V. 1139 und Bischöfe in V. 516.

Die Verszeilen haben meist männlichen Ausgang; die elfsilbigen Verse werden von Auf- zug zu Aufzug an Zahl geringer, so dass ihrer im vierten und fünften Akte verschwindend wenige sind. Hieraus ergiebt sich, dass Uhland mit voller Absicht den weiblichen Ausgang gemieden hat; durch den kräftigen Ausklang wollte er auch dem Verse eine besondere Färbung geben.

V. Das Verhältnis des ersten Entwurfs des Dramas zu seiner Ausführung.

Im Juni 1816 hat Uhland den ersten Entwurfe) zu unserer Tragöõdie innerhalb zweier Tage niedergeschrieben, an dessen Ausführung er erst nach Monaten ernstlich heranging. Nur langsam wollte ihm die Ausarbeitung des ersten Aufzuges gedeihen, um so schneller wurde der übrige Teil des Dramas vollendet; am 14. Juli 1817 lag das Ganze fertig vor. Die verschiedenen Randbemerkungen zu dem Entwurf lassen vermuten, dass ihn der Dichter vor der Ausarbeitung mehrmals durchgelesen hat. Dieselben enthalten fast sämtlich Andeutungen zur näheren Aus- führung des Entworfenen und weisen nur einmal auf eine Anderung im Gange der Handlung hin. Hat Uhland die mapnigfachen Anderungen, die er in dieser Beziehung am Entwurfe vor-

*) Keller, Uhland als Dramatiker, S. 347 ff.