Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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geächtet und für fried- und heimatlos erklärt. Wie ein Verpesteter wird der Geächtete gemieden, für ehrlos gilt sein Schwert, es darf ihn töten, wer ihn findet.

Zum Zeichen der Acht wirft der Kaiser, der mit dem Schwert in der Hand das Urteil spricht, den Handschuh hin, denn noch ist der Deutsche gewöhnt die Rechtshandlungen durch symbolische Zeichen versinnbildlicht zu sehen. Auch sitzt der freie Mann selbst über Seines- gleichen zu Gericht und schlichtet die Streitigkeiten über Mein und Dein.

Die Edlen sitzen auf festen Burgen, die oft auf steilen Felsen erbaut den Belagerern Monate lang Trotz bieten, deren Herannahen der Türmer verkündet. Unter den Burgen be- finden sich die Verliesse, die den Gefangenen zum Aufenthalt dienen. Ausser dem Waffenhand- werk ist die Jagd die Beschäftigung der Edlen. Hoch zu Ross, mit dem Falken auf der Hand, ziehen sie aus und werfen die Lanze oder schiessen den Pfeil nach dem Wilde, das in den tiefen Wäldern in überreichem Maase vorhanden ist. Noch heult der Wolf durch die Wälder, und in den Lüften kreist der Aar. An Gesang und Harfenklang haben die Ritter ihre Freude; der Sänger, der die Heldenlieder singt und sagt, ist auf ihren Burgen willkommen. Die Frau steht in hoher Achtung; der Held, der sich ins Schlachtgewühl stürzt, denkt an die Frau, der er dient. Auch kann es noch geschehen, dass ein Edler an der Spitze seines Gefolges seine Braut ent- führt Wenn der Hochzeitszug zur Kirche geht, dann läuten die Glocken, und die Posaunen ertönen von des Turmes Kranz. Nicht einzeln pflegt der Ritter seine Strasse zu ziehen, sondern begleitet von Reisigen. Noch unsicher sind die Wege, der einzelne ist nicht vor einem Uber- fall gesichert, in den Wäldern finden Räuberscharen ihren Schlupfwinkel.

Gross ist die Macht und das Ansehen der Geistlichkeit, hat die Kirche es doch ver- standen über das gesamte Leben ihren Einfluss auszudehnen. Die Bischöfe sind zugleich Fürsten des Reiches. die wohl auch dem Kaiser gegenüber die Rechte der Kirche geltend zu machen verstehen. Meist aus hohem Geschlecht entsprossen, klug und gewandt, in der Bildung ihrer Zeit bewandert, sind sie Berater des Königs, stehen an der Spitze seiner Kanzlei und sind die Erzieher seiner Söhne. Begehrlich suchen sie den Besitz ihres Bistums zu mehren und wissen es auch durch geistliche Waffen vor den Feinden zu schützen. Sie bedrohen sie mit dem Bannstrahl, schliessen sie dadurch von der christlichen Gemeinschaft aus und übergeben sie dem ewigen Fluche. Dem Gebannten wird das kirchliche Begräbnis versagt, so lange der Tote nicht vom Banne befreit ist.

Das Gewissen sucht man durch fromme Bussübungen zu beruhigen. Mancher, der ein wildes Leben hinter sich hat oder dessen Hoffnungen für immer vernichtet sind, rettet sich in ein Kloster. Auch wider seinen Willen durchschreitet wohl einer die Klosterpforte, der sich dann bei guter Gelegenheit von dem Zwange losreisst und zurück ins Leben eilt. Um ihre Sünden zu bereuen, bauen sich andere wieder im dichten Walde eine Klausnerhütte oder wallfahrten nach dem heiligen Grabe und beten an geweihter Stätte. Wenn die Pilger in die Heimat zurück- kehren, finden sie auf allen Wegen leieht ein gastlich Obdach und wissen der erregten Phantasie einer leichtgläubigen Menge von den Wundern des Morgenlandes, dem Magnetberge, riesigen Greifen und Völkern von unmenschlicher Gestalt zu erzählen.

Ein fester Glaube, der keinen Zweifel kennt, ist in den Gemütern lebendig, die freilich zugleich auch dem Aberglauben leicht zugänglich sind. An den Heerstrassen stehen wunder- thätige Bilder. Heilige Quellen stärken die Augen und machen selbst Blinde sehend. An Kreuzwegen irren die Geister umher, und in der Mitternacht schwebt der Geist des Erschlagenen um die Stätte, wo der Mord vollführt ward. Der Tote findet keine Ruhe, solange sein letzter Wille nicht erfüllt ist. Der Stand der Gestirne in der Stunde der Geburt bestimmt das Ge- schick des Menschen. 1

Indem Uhland so seinem Drama auch bei der Erwähnung von Sitten und Gewohnheiten die rechte Farbe giebt, werden wir mitten in eine längst vergangene Zeit zurückgeführt. Aller- dings hat ihn seine gründliche Kenntnis des mittelalterlichen Kostüms verleitet, dabei nicht an allen Stellen das rechte Mass zu halten. Nicht immer tritt die Schilderung anspruchslos zurück und ordnet sich als nebensächliches Beiwerk den Zwecken des Dramas unter. Die breite Aus- führung des Acht- und Bannspruches scheint bei der grossen Wirkung dieser Scene auf den Hörer noch berechtigt und erhöht seine Teilnahme für das tragische Geschick des Helden. Die Erzählung der Kaiserwahl aber gewinnt eine zu grosse Ausdehnung, als dass in dem Zuschauer, dessen Erregung nachgelassen hat, nicht leicht neben dem dramatischen zum Schaden der Wir- kung auch ein historisches Interesse an der Schilderung selbst aufkommen könnte.