Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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Für die Gestaltung der Charaktere hat die Phantasie des Dichters das Beste gethan. Wohl hat er sich öfter an die geschichtliche Uberlieferung anschliessen können, aber nicht immer war das Bild, wie es sich ihm aus den Quellen darstellte, für die Zwecke des Dramas ohne freie Umgestaltung brauchbar, oder der Bericht des Chronisten war zu dürftig, um daraus das Wesen der Personen herleiten zu können. An dem geschichtlichen Bilde des Kaisers hat er freilich nichts zu ändern brauchen, er hob nur die Seiten seines Wesens heraus, welche für die Begrün- dung der Handlung notwendig waren. Den Charakter Giselas dagegen hat er den Bedürfnissen der Handlung gemäss schon freier ausgestalten müssen; neben der Mutterliebe wollte er an ihr besonders ihren freien hohen Geist hervorheben, wozu ihm die frei erfundene Rolle Adalberts Veranlassung gab. Die Ausführung der Charaktere Ernsts und Werners wurde besonders durch die im Drama darzustellende Idee bestimmt. Einen nicht geringen Einfluss auf die Zeichnung der Personen übte auch das Streben des Dichters durch Gegenüberstellung zweier entgegen- gesetzter Charaktere die Eigenschaften eines jeden von ihnen um so schärfer hervortreten zu lassen. Konrad und Ernst, Werner und Mangold, Odo und Hugo, Gisela und Adalbert bilden solche Gegensätze, die sich gegenseitig bedingen.

IV. Farbe, Sprache und Vers.

Vortrefflich ist es Uhland gelungen dem Drama die Farbe der Zeit zu geben, in der es spielt, ist er doch mit Geschichte und Literatur des Mittelalters aufs innigste vertraut. Nicht nur durch die Bestrebungen der Charaktere, sondern auch durch die Sitten und Gebräuche, die sie umgeben, werden wir in jene Zeit unseres Volkslebens zurückversetzt. Wir wollen uns das

Stück Leben, das uns der Dichter aus ferner Vergangenheit vorführt, in einem Gesamtbild zu vergegenwärtigen suchen.

Zwischen Mainz und Worms in der Rheinebene kommen die Fürsten, Edlen und Freien des Volkes zusammen, um einen neuen König zu küren. Noch sind die Besonderheiten der Volksstämme in Gesicht, Wuchs und Haltung, Mundart, Sitte und Tracht, Rüstung und Waffen- fertigkeit scharf ausgeprägt. Die Genossen jedes Stammes sind um das Zelt ihres Herzogs ge- lagert. Auf dem Saum eines Hügels steht der neue König, sichtbar allem Volke, das ihn mit lauten Heilrufen begrüsst. Dann tritt die Kaiserwitwe in den Ring der Fürsten und überreicht ihm die Reichskleinodien. Ein langer Festzug, voran der König, ihm folgend mit Gesang die Geistlichen und Laien in festlichem Schmucke, zieht in den Dom zu Mainz, damit er hier die Salbung empfange. Die alte Krönungsstadt ist Aachen, die Lieblingsstätte Karls des Grossen, dessen Angedenken noch im Volke lebendig ist. Der König ist Heerführer und Richter, auch Schützer der Armen und Elenden, die hilfeflehend den Saum seines Purpurmantels ergreifen, wenn er in festlichem Zuge dahinschreitet. Er kämpft selbst an der Spitze seiner Heere und belohnt nach erfochtenem Siege die Tapfersten auf dem Schlachtfelde mit Lehen und Ehren- schwert. Gegen Polen und Ungarn wird gekämpft, und über die Alpen nach Italien bis hinab nach Apulien ziehen die Heere, um die kaiserliche Hoheit des deutschen Königs zu wahren, und finden nur zu oft durch die Pest in dem ungewohnten Klima den Tod. Wild und grausam sind die Schlachten, kann doch ein Herzog dem gefallenen Feinde das Haupt abschlagen und es dem Kaiser als Siegeszeichen in einer Urne schicken. Mit Brünne, Kettenpanzer und Sturm- haube sind die Streiter gewappnet und schützen sich mit dem Schilde, auf dem das Wappen ihres Geschlechts gemalt ist. Voran weht das Banner, das mit einem Trauerflor umhüllt wird, wenn der Herzog gefallen ist. Den Rittern folgen die Kriegsknechte zu Fuss, die für Sold dienen. Nicht nur an den Grenzen, sondern auch im Innern des Reiches giebt es fortwährend Kampf und Streit, denn die Vasallen verweigern dem König oft den Gehorsam. Die Herzöge tragen ihr Land zu Lehen, das ihnen der König durch Uberreichung der Herzogsfahne und durch einen auf Pergament geschriebenen und in seiner Kanzlei ausgefertigten Lehensbrief feier- lich bestätigt. Wenn er zu Rosse steigt, halten sie ihm zum Zeichen der Abhängigkeit den Bügel. Ist einer mit des Königs Regiment unzufrieden, so rüstet er wohl sein Heer, verheert benachbarte Gebiete, und wenn er überwunden ist, wird der König sein Richter und straft ihn, nachdem er den Rat der versammelten Fürsten gehört, in des Reiches Namen. Als Friedens- störer und Feind des Reiches wird er seines Herzogtums entsetzt, in Haft genommen oder auch