höher als die verwandtschaftlichen Bande, die ihn an ihn knüpfen, gilt ihm das Wohl des Reiches und das Ansehen der Kaisermacht, wofür er noch als Greis unausgesetzt thätig ist. Ein treu besorgter Vater, empfindet er tief mit seiner Tochter, und dem frommen Glauben seiner Zeit ergeben, geleitet er sie, als sie dem erhofften Lebensglück entsagen muss, ins Kloster. Güte und Freundlichkeit ist der Grundzug seines Wesens, und da sich mit diesen Tugenden kluge Einsicht und Festigkeit des Wollens vereinigt, ist keiner wie er zum Friedensmittler geeignet.
10. Hermann und Heinrich.
Die Brüder Ernsts sind nur mit wenigen Strichen gezeichnet. Hermann ist ein dem Willen seines Vaters ergebener Sohn, zugleich aber auch ein treu gesinnter Bruder. Im Besitze des Herzogtums betrachtet er sich nur als den Verwalter, der dem rechtmässigen Herrn das Seine zur rechten Zeit zurückgeben wird. Ein jugendlicher Held, hat er die Fahne Schwabens mit neuem Ruhm bekränzt.
Heinrich zeigt sich als der frühreife Knabe, der er wirklich war. Im Alter von zwölf Jahren bekundet er schon Verständnis für die Bestrebungen seines Vaters und bezeugt jenen Sinn für strenge Gerechtigkeit, der später seine Zierde wurde. Sein feinfühlendes, edles Gemüt verrät dabei ein unschuldiges, reines Kinderherz.
11. Warin.
Soweit das Bild Warins ausgeführt ist, trägt es in den wenigen Zügen Ahnlichkeit mit Werner. Zwei Tugenden sind ihm besonders eigen: die Tapferkeit und die Treue. Seinem rechtmässigen Herzog folgt er bis zum Tode, und frohlockend stürzt er in das Schlachtgetümmel, das ihm wie ein lustiger Hochzeitsreigen erscheint. Eine seltene Willenskraft hält den Tod- kranken aufrecht, und erst als er die treu bewahrte Fahne vor der Leiche des Herzogs auf- gepflanzt hat, bricht er zusammen.
Bei der Schilderung der Charaktere haben wir gesehen, dass sie lebensvoll ausgestaltet sind und dass selbst Nebenfiguren, die nur wenig hervortreten können, mit einigen Strichen soweit gezeichnet sind, dass der Phantasie des Hörers ein Anhalt zur weiteren Ausmalung des Bildes geboten wird. Auf die Charakteristik seines Haupthelden freilich hätte der Dichter grössere Sorgfalt verwenden müssen. Nicht nur hätten wir durch eine reiche Entwicklung der Seelen- vorgänge die Uberzeugung gewinnen müssen, dass der Gegensatz von Untreue und Treue in dem- selben Charakter möglich, ja notwendig war; ihm fehlt besonders auch das rasch pulsierende Leben, die Kraft der Leidenschaft, die unaufhaltsam vorwärts treibt und den Gang der Hand- lung beschleunigt. So wie ihn Uhland gebildet hat, als einen Mann, dessen Kraft schon im Beginn der Handlung gebrochen, dessen Leidenschaft verloschen scheint, der nur in Augenblicken, in denen sein Inneres besonders mächtig ergriffen wird, Thatkraft und Selbständigkeit findet, möchten wir fast zweifeln, ob Ernst zum Helden einer Tragöõdie geeignet ist.
Gustav Freytag hat in seiner Technik des Dramas*) die Schwierigkeiten auseinander- gesetzt, mit denen ein dramatischer Dichter bei der Gestaltung mittelalterlicher Charaktere zu kämpfen hat. Der Einzelne hatte sich noch wenig von der Gesamtheit losgelöst, er stand noch völlig unter dem Einflusse der Anschauungen und Gewohnheiten seiner Genossen, und nicht leicht ist es daher für jene Zeit Vertreter eines Standes, jeden in seiner Besonderheit zu schildern. Wenn nun auch die Edlen und Grafen in unserm Drama einzelne Züge gemeinsam haben, so ist um so mehr die Mannigfaltigkeit der Zeichnung anzuerkennen, durch welche sie sich von einander abheben. Mittelalterlichen Charakter tragen sie alle bis auf Gisela, die mit ihren religiösen Anschauungen Ideen einer späteren Zeit verkündet. In ihrem Denken und Wollen, in ihren Strebungen und Zielen sind sie Kinder ihrer Zeit, und doch sind auch wieder die Leidenschaften, die sie bewegen, die Gründe, die ihr Handeln bestimmen, so allgemein gültiger Art, dass wir sie verstehen und mit ihnen fühlen können.
*) 6. Aufl. S. 247 ff.


