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erklären, aber der inneren dramatischen Verknüpfung entbehren. Die Handlang in Ludwig dem Baier ist ein Stück dramatisierter Geschichte, die sich über einen Zeitraum von zwölf Jahren erstreckt. Wenn sie weit schneller dahinfliesst als in Herzog Ernst, so rührt das nicht etwa daher, dass den Charakteren ein stärkeres dramatisches Leben eigen wäre, sondern ist die Folge des reichen Stoffes, den Uhland in fünf Aufzügen zusammengedrängt hat. Auch von dem zweiten Drama, das der Dichter vollendet hat, können wir mit Recht sagen, dass es ein episches Ge- präge trage; auch ihm fehlt das dramatische Leben, es berichtet die Begebenheiten, aber das Werden der That, wie in der Seele allmählig der Entschluss zu ihr heranreift, das erfahren wir nicht.
Uhland ist ein Meister, wenn es gilt die Empfindungen der Seele im Lied ausklingen zu lassen oder sagenhafte Stoffe in Balladenform zu behandeln, aber die künstlerische Gestaltung des Dramas ist ihm nicht gelungen. Welche Vorzüge zeigen aber trotzdem noch beide Dramen, insbesondere Herzog Ernst! Schon die edle, würdevolle, aber prunklose Sprache voll eigenartiger Kraft und Schönheit verrät den Dichter, der seine eignen Bahnen geht und kein Nachahmer fremden Gutes ist. Eine ganze Reihe ergreifender, öfter auch dramatisch wirksamer Stellen findet sich in unserer Tragödie zerstreut, die auch bei wiederholter Lektüre ihren tiefen Eindruck nicht verfehlen. Ernst als dem Helden des Dramas fehlt freilich ebenso wie Ludwig dem Baier das volle dramatische Leben, aber sonst ist die Charakteristik der Personen wohl gelungen und einzelne Rollen, wie die Werners und Giselas, sind besonders tief angelegt. Ein nicht geringes Verdienst Uhlands ist es auch, dass er für seine Dramen vaterländische Stoffe gewählt hat, und wenn er in beiden die Treue als den schönsten Schmuck des deutschen Mannes verherrlicht, so kennzeichnet dies den für sein Vaterland und sein Volk begeisterten Dichter, der dessen schönste Tugenden in seinem eignen Wesen verkörpert hatte.
Da diese Abhandlung in einem Schulprogramm ihre Stelle findet, so wollen wir sie nicht. schliessen, ohne einige Worte über die Verwertung Herzog Ernsts im Unterricht zu sprechen. Namhafte Pädagogen haben den Gebrauch dieses Dramas für die Schule empfohlen, und der Verfasser, der dasselbe früher wiederholt in Tertia hat lesen lassen, kann bestätigen, dass es zur Einführung in die dramatische Lektüre wohl geeignet ist. Wollte der Lehrer freilich an ihm die Gesetze des dramatischen Aufbaus zeigen, so liesse es sich dazu nicht empfehlen. Aber wir sind der Meinung, dass der Anfänger hierfür ein noch unzureichendes Verständnis pesitzt und dass es bei der Lektüre des ersten Dramas wichtigere Dinge gibt, auf welche die Aufmerksam- keit des Schülers zu lenken ist. Er soll vor allem den Gang der Handlung begreifen und die Personen in ihren wesentlichsten Eigenschaften erfassen lernen. Hierzu ist aber unsere Tragödie besonders geeignet, denn der Gang der Handlung ist verhältnismässig einfach und auch die meisten Charaktere sind so angelegt, dass sie auch dem Verständniss des Anfängers einigermassen nahe gebracht werden können. Die neuen Lehrpläne schreiben Wilhelm Tell als dramatische Lektüre für Obertertia vor. Mit diesem Edelstein deutscher Dichtung kann sich Herzog Ernst allerdings an Wert nicht messen, ob aber Tell mit seinen drei Handlungen, die ihre Fäden in einander schlingen, und den zahlreichen Personen, die handelnd in ihm auftreten, vom pädagogi- schen Gesichtspunkte aus zur Einführung in das Drama ebenso geeignet ist, das möchte sehr zweifelhaft sein. Da es nun nicht mehr möglich ist unsere Tragödie in der Klasse zu lesen, so ist sie als häusliche Lektüre für Untersekunda angelegentlich zu empfehlen, und hierzu ist die Ausgabe von Weismann wegen ihrer historischen Einleitung trefflich zu gebrauchen. Schon um eines Vorzugs willen, dessen Wichtigkeit nicht zu unterschätzen ist, sollen die Schüler das Drama kennen lernen. Der Grundgedanke desselben findet für sein Verständnis empfängliche und bereite Herzen; auf der Altersstufe, wo es der Jugend dargeboten wird, pflegt in ihr schon das Ideal treuer Freundschaft lebendig zu sein, und dies Ideal zu nähren und zu veredeln, das vermag unser Drama, indem es die Treue und Aufopferung der Freunde auch bis in den Tod in schlichten, aber herzbewegenden Tönen preist.
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