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Pläne durch das Widerstreben anderer gefährdet sieht, dann kennt seine herrische Natur in ge- rechtem Zorne auch gegen die eignen Anverwandten keine Rücksicht. Seinem Sohne ist er ein treubesorgter Vater, gegen seine Gemahlin, deren Weisheit er hochschätzt, ist er freundlich und gütig und sucht ihre Wünsche schon im voraus zu erfüllen. Durch ihre Fürbitte vermag Gisela den Unbeugsamen zur Milde und Versöhnlichkeit zu stimmen, und wenn er sie durch einen Eid bindet für Ernst bei neuem Ungehorsam nicht abermals zu bitten, so ist das nicht ein Zeichen mangelnden Zartgefühls, sondern er will sich nicht aus Liebe zu ihr gegen seine bessere Uberzeugung von neuem zur Nachsicht bereden lassen.
4. Gisela.
Ein hehres Frauenbild hat uns Uhland in Gisela gezeichnet; auch in ihm sind einzelne Züge dem geschichtlichen Charakter entlehnt. Reich an Erfahrungen des Lebens, hat sie den bittersten Seelenschmerz gekostet und die höchste Wonne empfunden, die ein Mutterherz fühlen kann. Im stolzen Bewusstsein ihres Rechts und ihrer Würde hat sie die Anfechtungen ertragen, die ihrer Ehe mit dem Kaiser entgegengebracht wurden. Wie erhaben fasst sie die Pflichten ihres Berufes als Herrscherin! Von echter Frömmigkeit beseelt, ist sie eine Helferin der Armen und Elenden, eine Schützerin der Unglücklichen, eine Fürbitterin dem ganzen Volke. Wie weise weiss sie sich die Grenzen ihrer Wirksamkeit zu stecken und sich von politischen Ränken fern zu halten! Schon eine gereifte Frau, ist es nicht glühende Liebe, die sie ihrem Gemahl ent- gegenträgt, aber wahre Verehrung und Hochachtung und ein rechtes Verständnis für die kraft- volle Ausübung seines Herrscheramtes. Selbst dann, als er ihrem Herzen durch die Verfolgung des ge- liebten Sohnes tiefe Wunden schlagen muss, klagt sie ihn nicht wegen seines rücksichtslosen und zielbewussten Strebens an, sondern bleibt sich bewusst, dass die harte Pflicht ihn dazu zwinge. Das Masshalten ist ihre hervorragende Tugend und der schönste Schmuck ihrer königlichen Würde. Ihr Herz ist der tiefsten Bewegung fähig, aber in der Selbstbeherrschung geübt, gibt sie auch den schmerzlichsten Gefühlen nur gemessenen Ausdruck. Trotz des Widerstreits der Pflichten, der eine minder starke Seele in Verzweiflung hätte untergehen lassen, ist sie ihrer selbst gewiss und weiss stets die rechte Strasse zu wandeln. Trotz herber Schicksale bewahrt sie sich die Freude am Leben und geniesst mit fröhlichem Sinne seinen Glanz und seine Lust. Nicht durch unnütze Bussübungen sucht sie einem Irrtum zu sühnen, sondern durch werkthätige Liebe; durch treue Erfüllung der mannigfachen Pflichten, die ihr hoher Beruf mit sich bringt, weiss sie die Ruhe und den Frieden ihrer Seele zu erhalten. Eine fromme Christin, unterwirft sie sich nicht blindlings den Satzungen der Kirche, sondern erkennt den verkehrten Weg, den diese für den Frieden der Seele mit Gott notwendig erachtet. Vor allem aber ist sie die treue Mutter, die für ihre Kinder sorgt und bangt, betet und hofft; ihre Liebe geht besonders dem Sohne nach, der ihr die meisten Schmerzen bereitet, und ist so tief und so warm, dass auch der Tote in ihrem Herzen lebendig bleibt.
S. Adalbert.
Die Gestalt Adalberts ist insbesondere charakteristisch für die Zeit, in der er lebte. Dieselbe starke Leidenschaft, die sich im Begehren und Geniessen zeigte, offenbarte sich auch in dem UÜbermass der Busse, mit der man die Schuld der Seele zu sühnen strebte. Von der Lust des Jagens hingerissen, hat Adalbert in hastigem und erregtem Eifer seinen Herzog wider Willen mit dem Speere durchbohrt. Diese Schuld, die ihm der Sterbende vergab, hat sich der treue Lehnsmann nicht verziehen. Seitdem lastet ein tieter Kummer auf seiner Seele; mit lebendiger Einbildungskraft begabt, sieht er überall das Bild des Sterbenden vor sich und vernimmt sein letztes Röcheln. In dem Glauben seiner Zeitgenossen befangen, über den sich Gisela mit freier Geisteskraft erhebt, glaubt er durch lange und schwere Bussübungen seiner Seele den Frieden wieder zu gewinnen, und als er fünfzehn Jahre vergebens darnach gerungen hat, als sein Angesicht von Leid und Schmerz unkenntlich geworden ist, beginnt er doch nicht an der Wahrheit dieser Anschauung zu zweifeln. Nicht selbst vermag er zu einer bessern Einsicht durchzudringen, aber freudig folgt er der hohen Frau, als sie ihm mit dem Feuer der Beredsamkeit, die der Liebe entquillt, den Weg zum Frieden zeigt. Die starke Leidenschaft, welche den Kern seines Wesens ausmachte und die er in all seinem Thun kundgab, ist in den langen Jahren der Busse wohl


