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Spitze des Volkes soll nicht ein erbliches Kaisergeschlecht stehen, das nach Unbeschränktheit und Alleinherrschaft strebt, sondern der König, den die Edlen des Volkes aus ihrer Mitte in freier Wahl gekürt und der die Rechte der Fürstengeschlechter und freien deutschen Männer achtet und schützt. Daher stammt sein glühender Hass gegen den Kaiser. Verächtlich dünkt es ihm das Heiligtum der Freiheit für eitle Belohnungen dahinzugeben. Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst, aber er hat niemanden gereut. Höher als aller Glanz der Erde steht ihm die männliche Gesinnung, die für die Wahrheit ihrer UÜberzeugung kein Opfer scheut. Als er seinen Herzog seiner Treue wegen im Elend findet, bringt er ihm um so grössere Verehrung entgegen und huldigt der sittlichen Grösse, die Ernst durch seine frei erkorne Schmach bewährt hat. Unverbrüchlich fest steht ihm die Mannen- und Freundestreue; seine Liebe zu dem geächteten Herzog ist so stark, dass er, der so sicher seines Weges geht, sich vorwurfsvoll selbst anklagt, er habe das Glück seines schönen morgenhellen Lebens zerstört. Ihn möchte er hinübertragen in ein glücklich Land, wo Fried' und Freude wohnt; für ihn fleht er zu Gott im letzten Todes- kampfe, dass er der kleinen Schar den Sieg verleihe. Seine Tapferkeit erinnert an die altger- manischen Recken; riesenhaft ist die Stärke seines Leibes, unerschöpflich scheint seine Lebens- kraft. Aus vielen Wunden blutend, kämpft er weiter, bis er endlich zusammenbricht. Nicht schöner konnte uns der Dichter seinen unerschrocknen Mut und seinen Heldensinn zeichnen, als dass er ihn im Angesicht des nahen Todes mit heiterem Antlitz den Schwank vom Grafen von Abensberg erzählen lässt.
Mit besonderer Liebe hat Uhland den Charakter Werners ausgestattet, hat er in ihm doch ein Stück seines eignen Wesens verkörpert. Auch er ist eine durchaus ideal angelegte Natur, welche die einmal für recht erkannten Uberzeugungen unwandelbar festhält und ein langes Leben hindurch verteidigt. So sehr ist er derselbe geblieben, dass er einzelne bedeutende Stellen in der Rolle Werners am Ende seines Lebens geschrieben haben könnte, auch dann noch würden sie seinen Ansichten entsprochen haben. Zur Zeit, als er unser Drama dichtete, nahm er an den Verfassungsstreitigkeiten in seiner Heimat regen Anteil und trat mannhaft für die Rechte des Volkes ein. Der Charakter Werners gewann ihm Bedeutung für seine Zeit; in ihm wollte er den Zeitgenossen einen Spiegel vorhalten, wie uns die Randbemerkung zum vierten Aufzuge im Entwurfe des Dramas bezeugt:„Fürstendienerei jetziger Zeit“. Allezeit ein begeisterter Vor- kämpfer für Recht und Freiheit, hat er sich ihrem Dienst gelobt, der ihn viel gemühet, aber nie gereuet hat. Als er es seinem Sinne für Freiheit und Unabhängigkeit schuldig glaubte, hat er auf seine amtliche Stellung freiwillig verzichtet. Ehrenvolle Auszeichnungen, die edle Fürsten dem gefeierten Dichter zugedachten, hat er zurückgewiesen, als er des drückenden Loses von Männern gedachte, die mit ihm in der Nationalversammlung in vielen wichtigen Anschauungen zusammengegangen waren. In der Paulskirche zu Frankfurt hat er dreissig Jahre nach der Ab- fassung unserer Tragödie sich gegen das Erbkaisertum erklärt und die freie Wahl des Reichs- oberhauptes verlangt. Niemand wird mehr diese Ansicht Uhlands billigen, das Streben nach Freiheit hatte ihm hier den Blick für die Lehre der Geschichte verschlossen, denn viel Unglück wäre unserem Volke erspart geblieben, hätte an seiner Spitze ein starkes, mit einer grossen Hausmacht ausgestattetes, nur für die nationalen Interessen besorgtes, erbliches Kaisergeschlecht gestanden. So gross uns daher auch die Gestalt Werners wegen des Kampfes für ideale Güter erscheint, der Inhalt dieses Ideals hat keine Berechtigung.
S. Konrad.
Der Charakter Kaiser Konrads II. hat in unserm Drama das gleiche Gepräge, das er auch in der Geschichte trägt. Allezeit für das Ansehen der Kaiserwürde, die Mehrung des Reichs und die Erblichkeit der Krone in seinem Hause besorgt, weiss er klug und schnell die Feinde zu überwinden, die sich ihm entgegenstellen. Mit weiser Uberlegung steckt er sich die Ziele seines Wirkens und mit fester Beharrlichkeit führt er seine Pläne aus. Unedle Mittel sind ihm fremd, schnöden Verrat weist er zurück und hält die Treue heilig. Unermüdlich thätig, überall gegenwärtig, wo seine Anwesenheit von Nutzen scheint, weiss er durch rechtzeitige Be- lohnungen den Eifer der Treuen anzuspornen und sie zur raschen Ausführung seiner Aufträge an- zutreiben. Eine gebietende Persönlichkeit, verlangt er unbedingten Gehorsam und hält über die Empörer strenges Gericht. Wenn er das Interesse des Reichs geschädigt, das Gelingen seiner


