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zweiten Aufzuges die Handlung dahin, und so können wir in Bezug auf Herzog Ernst dem Urteile Alfred Klaars in seiner Geschichte des modernen Dramas*) zustimmen, Uhlands Dramen seien Epen, die sich nur äusserlich der scenischen Einteilung gefügt haben. Auf diesem Mangel an dramatischem Leben beruht es auch, dass unsere Tragödie trotz ihres ergreifenden Inhaltes, trotz hoher dichterischer Schönheit, die sie an gar manchen Stellen aufzuweisen hat, trotz ihres echt vaterländischen Charakters ein Buchdrama geblieben ist und auf der Bühne kein dauerndes Besitz- recht erworben hat. So wenig Herzog Ernst also in Bezug auf den Aufbau der Handlung den Anforderungen der dramatischen Technik entspricht, so gelungen ist die Zeichnung fast aller Charaktere, die mit wirklichem Leben ausgestattet sind. Nur der Charakter Ernsts als des Haupthelden hätte einer reicheren und volleren Ausführung bedurft, um uns von der Notwendig- keit seines Handelns zu überzeugen.
III. Die Charaktere. 1. Ernst.
Ernst ist ein Typus jener grossen Zahl von Herzögen, die sich im Mittelalter wider ihren Kaiser erhoben. Sich seiner Pflichten gegen das Reich nicht bewusst, vom Kaiser sich in seinem eigenen Recht gekränkt wähnend, auf die Mehrung seiner Macht bedacht, die eigene Kraft überschätzend, hat er sich empört, und als ihn die Verbündeten verliessen, sich reumütig unterworfen, um bei günstiger Gelegenheit von neuem die Fahne des Aufruhrs zu schwingen. Von einem solchen Fürsten, der so pflichtvergessen gegen seinen kaiserlichen Stiefvater handelte, möchten wir einen anderen Charakter erwarten, als er uns in Wirklichkeit entgegentritt. Liebe und Hingebung, Treue und Dankbarkeit sind seinem Herzen inniges Bedürfnis. Mit herzlicher Liebe hängt er an der Mutter, treue Gesinnung hegt er zu den Brüdern, in unvergesslicher Er- innerung lebt ihm das Bild des toten Vaters. Mit welch zartem Gefühl und feiner Empfindung fragt er nach seiner Braut, der er auch noch im letzten Kampfe gedenkt! Mit welch unerschütter- licher Treue vergilt er dem Freunde, der seiner Jugend Führer war! Wie bereitwillig ist er auch denen zu vergeben, die ihn verlassen und verraten haben! Eine edle Natur, ist er durch die bitteren Lebenserfahrungen trüber Schwermut verfallen, aber den Treuen zeigt er allezeit ein freundliches Antlitz. Vertrauensvoll hat er sich der Leitung des geistesüberlegenen, willensstarken Freundes überlassen, dessen Vorzüge er mit schwärmerischer Verehrung anerkennt und in dessen Schutz er sich sicher geborgen glaubt. Noch jung an Jahren, fehlt ihm jene Ausdauer und Zähigkeit des Willens, die auch im Unglück noch Mittel und Wege zur Rettung findet, gebricht es ihm an jenem beharrlichen Mute, der auch in langem Leiden nicht erschüttert wird. Wenn er aber vor die Notwendigkeit des Entschlusses gestellt wird, wenn rasches Handeln unumgänglich ist, wenn es gilt die Freundestreue zu bewähren, die sein unveräusserliches Kleinod ist, dann findet er eine Entschlossenheit und eine Thatkraft, die uns die höchste Bewunderung abzwingt. Als er dem Freunde die Treue brechen soll, da leistet er ohne Zögern auf sein Herzogtum Ver- zicht und trotzt unbekümmert um Not und Tod der Acht und dem Banne, die ihn dem Unter- gang weihen. Als er Werner tot zu seinen Füssen liegen sieht, da zeigt er eine Tapferkeit und einen Todesmut, der eines Helden würdig ist.
2. Werner.
In Werner von Kiburg musste Uhland eine Persönlichkeit zeichnen, die den mächtigen Einfluss erklärt, den er auf Ernst ausübt. Werner ist ein mannhaft starker, unbeugsamer Charakter, der auch im Unglück das Haupt noch hoch trägt und auch in der Verlassenheit nicht verzweifelt, sondern entschlossen für seine Ziele weiter kämpft. Wenn andere verzagen, weiss er noch Rat und Hilfe; gerade in der Not wächst seine Kraft und stählt sich sein Wille. Mit seltner Festigkeit der UÜberzeugung bleibt er dem Ideale treu, das die Aufgabe seines Lebens bestimmt und für dessen Verwirklichung er unermüdlich thätig ist. Er ist begeistert für die Freiheit des deutschen Volkes; sie ist das wunderthätige Bild, nach dem er im Abgrund der Not die Blicke wendet, um für sein Leben neue Kraft zu gewinnen. Die Freiheit ist sein Stolz; noch im Tode dankt er Gott, dass es ihm vergönnt ist als freier Mann zu sterben. An der
*) 8. 2053.


