Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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dass sein eigener Sohn ausruft:Mich schauert's, Vater, unter diesem Schmuck, und dass seine Ge- mahlin einen Ring und einen Stab als die hohen Dinge bezeichnet, um derentwillen das Leben der Edlen verblutete. Muss da nicht auch den Kaiser, so zielbewusst er auch war und so wenig er weich- lichen Empfindungen nachhängen mochte, ein Gefühl von der Nichtigkeit seines Strebens überkommen, wenn die Glieder seiner Familie den Erfolg der Opfer nicht wert erachten, die gebracht werden mussten, ja, wenn sie ihm vorwurfsvoll zu verstehen geben, dass er solche Opfer nicht hätte bringen dürfen? Fragen wir nach der Berechtigung dieser Katastrophe. Wir sind geneigt den Kaiser der Härte und Ungerechtigkeit zu zeihen, weil er an Ernst das Verlangen stellte sich von seinem Freunde loszusagen, wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass er an die wahre Freundschaft Werners für Ernst nicht glaubte, ihn vielmehr für einen eigennützigen Mann hielt, der Ernst als Werkzeug für seine Pläne gebrauchte. Der Kaiser hatte seine Güte und Milde gezeigt, als er Ernst zum zweiten Male verzieh, aber auf diese Bedingung durfte er nicht verzichten, wollte er nicht gegen sein und des Reiches Interesse handeln. Allerdings hätte er nicht die Bedingung bis zu der Härte steigern sollen, dass Ernst den Freund zu des Reiches Haft ergreifen solle, falls er ihn in den Grenzen seines Herzogtums finde, aber sonst können wir sein Verfahren gegen seinen Stiefsohn von seinem Gesichtspunkte aus nur billigen, und deshalb finden wir in der Katastrophe des Kaisers unsere Forderung einer vergeltenden Gerechtigkeit nicht befriedigt.

Zum Schlusse gibt Uhland durch Gisela der Idee des Dramas Ausdruck. Sie ist jetzt ihres Eides frei und darf die reiche Mutterliebe, die sie so lange in ihrem Herzen zurück- drängen musste, offen aussprechen. Sie weissagt den toten Freunden, dass ihre Treue fortleben wird im Lied und in der Sage. Unser Drama ist das Hohelied von der Freundestreue, die sich in Not und Tod bewährt, und es wird, so hofft der Dichter, die Herzen der Hörer rühren, wenn sie die Kunde von Herzog Ernst und seiner Freundestreue vernehmen, solange die Treue des deutschen Volkes Ruhm und Ehre bleibt.

Nachdem wir den Aufbau der Handlung im einzelnen besprochen haben, wollen wir unser Urteil zusammenfassen. Zunächst ist in Bezug auf den Stoff zu loben, dass Uhland im Herzog Ernst nicht ein ganzes Stück Geschichte dramatisiert, sondern ein einzelnes historisches Moment herausgreift, so dass sich die Handlung einheitlich um eine Idee gruppieren kann. Wenn nun die Handlung in den letzten Aufzügen etwas dürftig erscheint und zu langsam fortschreitet, so ist dies nicht etwa die Folge dieser echt dramatischen Begrenzung des Stoffes, sondern rührt von dem Fehlen des in der Seele des Helden aufsteigenden Kampfes her. Da die Scenen der Steigerung ganz ausfallen, so sind die Stufen der Umkehr um so länger ausgedehnt. Es war eine fast un- mögliche Aufgabe noch vier Akte hindurch die Teilnahme der Hörer für einen Helden wach zu erhalten, dessen Schicksal mit dem Ende des ersten Aufzuges entschieden war. Uhland hat diese Unmöglichkeit selbst erkannt und deshalb das Hauptinteresse bald auf Werner, bald auf Gisela hingelenkt. Die fallende Handlung allein, die den Kampf gegen den Kaiser und den Untergang der Freunde umspannt, ist eben zu arm, um vier ganze Akte auszufüllen. Deshalb hat der Dichter jene grosse Episode im dritten Aufzuge eingefügt und den Personen wiederholt längere epische Berichte in den Mund gelegt. Ohne diese Auskunftsmittel hätte er das Drama auf drei Aufzüge beschränken müssen, nachdem er es einmal versäumt hatte den Entschluss des Helden, der über sein Schicksal entschied, in längerer Ausführung aus dessen Seele herauszubilden. Solche epischen Bestandteile sind die Erzählung Werners von der Kaiserwahl, Mangolds Bericht über die Sagen, die das Volk um die Gestalt von Herzog Ernst gewoben hat, Warins Meldung von dem Tode Hermanns und dem Schicksal seines Heeres, die Erzählung Adalberts von der Ermordung von Ernsts Vater und seiner Busse. Einen epischen und lyrischen Charakter zugleich hat Hugos Bericht von dem Eintritt seiner Tochter Hildegard ins Kloster, und treffend bemerkt Notter), wie diese Erzählung einen passenden Stoff für einen Romanzenkranz abgeben würde. Diese epischen Erzählungen sind mit grosser poetischer Schönheit ausgeführt, aber sie sind zu zahlreich einge- streut und zum Teil von einer Länge, dass sie den Fortschritt der Handlung verlangsamen und die dramatische Lebendigkeit beeinträchtigen müssen. Der dramatische Aufbau ist nicht gelungen, die starke Spannung, mit welcher der Hörer der Handlung besonders in ihrem aufsteigenden Teile folgen soll, ist zu früh gelöst, er erfährt nicht, wie der Entschluss, der zu der wichtigsten That des Helden führt, sich allmählich in dessen Seele gestaltet, langsam gleitet vom Beginn des

*) a. a. O. S. 425.