Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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dadurch in Verbindung gesetzt, dass Adalbert durch Gisela bewogen wird Ernst beizustehen und ihm seine Burg zu öffnen. Uhland stellt in dem Gespräch zwei grundverschiedene Anschau- ungen einander gegenüber, wie man den Frieden des Gewissens erlangen könne, die des Mittel- alters und der neuen Zeit. Adalbert sucht die Schuld, die auf ihm lastet, durch schwere Buss- übungen zu sühnen, Gisela weist auf die rechte Sühne durch ein der Pflicht und der Nächsten- liebe geweihtes Leben hin. Die neue Anschauung trägt über die alte den Sieg davon. Adalbert fühlt sich durch den Glauben an die neue Lehre, die ihn tief innerlich ergreift und die er durch die That bewähren will, von der Schuld befreit, welche er Jahre lang vergebens gebüsst hatte. Sonst hat der Dichter die Farbe des Dramas auch darin gewahrt, dass er seine Personen in der Gedankenwelt des Mittelalters denken und reden lässt; wenn aber Gisela diese Lehre verkündet. so spricht sie Gedanken aus, die ihr, eine so ausserordentliche Frau sie auch war, doch fremd sein mussten. Fragen wir nach der Berechtigung dieser Episode innerhalb des dramatischen Baus, so ist einzuwenden. dass sie den Fortschritt der schon nur langsam weiterrückenden Hand- lung allzusehr aufhält. Wenn sie noch dazu diente uns den Charakter einer Hauptperson breiter darzulegen, aber in ihrer Bedeutung für den Gang der Handlung ist Gisela doch nur eine Neben- person. Im dritten Aufzuge zeigen sich so recht die Folgen, dass Uhland es unterlassen hat den wichtigsten Entschluss Ernsts aus seinem Seelenleben heraus zu entwickeln; gerade im Nittel- punkt des Dramas kann er seinen Helden nicht auftreten lassen, und so wird Gisela die Heldin des ganzen Aktes. Wo bleibt da die Einheit in der Teilnahme der Hörer? Zuerst nimmt Ernst unser Interesse in Anspruch, am Ende des zweiten Aufzuges Werner, und in der Mitte des Dramas ist es der Seelenkampf Giselas, der die Aufmerksamkeit des Hörers gefangen nimmt. Dem Dichter war es nicht gestattet diesen Seelenkampf mit der ganzen ihm innewohnenden Ge- walt zu schildern, da Gisela geschworen hatte nicht noch einmal für Ernst zu bitten, aber wir fühlen die tiefe Erregung, den Kampf, den die Liebe zum Sohne in Gisela gegen ihre Pflicht als Gattin und Kaiserin führt. Auf drei Stufen offenbart sich uns das Seelenleben der erhabenen Frau, und in vortrefflicher Weise hat Uhland den verhaltenen Schmerz und die bange Sorge des Mutterherzens geschildert. Im Gespräch mit Hugo scheint sie noch ruhig und gefasst, sie hegt die leise Hoffnung auf eine nochmalige Begnadigung ihres Sohnes und gedenkt mit rührender Wehmut des seligen Glückes, das er ihr durch seine Vermählung mit Edelgard hätte bereiten können. Als sie von dem Aufstande Ernsts hört und den Mann gewahrt, der ihn niederschlagen soll, sucht sie noch ihre Bewegung zu verbergen, kann aber nicht umhin Mangold der Untreue gegen den Geächteten zu zeihen, so dass der Kaiser sie an ihren Eid gemahnt, und dann sucht sie für ihr gepresstes Herze im Gebet Erleichterung. Da naht sich Adalbert und wirft ihr Untreue gegen ihren verstorbenen Gemahl und ihre Kinder vor, und nun hätte ihre Seelenangst, ihr Schmerz um den unglücklichen Sohn herzzerreissenden Ausdruck finden müssen, wäre sie nicht die stolze, königliche, in schwerer Pflichterfüllung und strenger Selbstbeherrschung geübte Frau gewesen. Würdevoll weist sie den Vorwurf Adalberts zurück, aber an der Wärme, mit der. sie ihm den Gedanken nahebringt für ihren Sohn zu kämpfen, erkennen wir, dass der Streit zwischen den unversöhnlichen Pflichten in ihrer Brust weiter wogt.

Der Beginn des vierten Aufzuges bildet die vierte Stufe der fallenden Handlung. Ernst. welcher mit seiner Schar obdachlos im Walde umherschweift, gewinnt eine schützende Burg und neue Anhänger. Aber welche Anhänger? Männer, die ein unheilvolles Geschick geleitet, deren Untergang so sicher ist als der seinige. Dem Hörer bleibt fortwährend die Uberzeugung, dass sich das tragische Geschick des unglücklichen Herzogs mit Notwendigkeit erfüllen muss, und nur sein Mitleid wird dadurch gesteigert, dass auch die Kampfgenossen, die ihn schützen und ihm beistehen sollen, nur seinen Untergang verbürgen können.

Auf der fünften und letzten Stufe führt zunächst wieder das Gegenspiel die Handlung. Mangold ist im Schwarzwald angekommen und hat in der Nähe der Burg Falkenstein sein Lager aufgeschlagen. In diesem Abschnitt stehen Warmann und Mangold auf der Höhe ihrer Erfolge, denn das Ziel, für dessen Erreichung sie thätig gewesen, scheint ganz nahe gerückt. Die Frucht ihrer Bestrebungen ist reif, es gilt sie nur zu pflücken. Notter*) und nach ihm Rudolf Franz*) tadeln das Auftreten Werners in dieser Scene, denn das Gespräch, das er mit Mangold führt, sei für den Gang der Handlung ohne jede Bedeutung. Dagegen will Crohn in seiner Schulausgabe unseres Dramas**t) gerade hierhin den Umschwung in der Handlung verlegen; bis hierhin steige die

4) a. a. O. 8. 433.*) a. a. 0. S. 451.***)§. 96.