Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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Das Schicksal Ernsts ist schon am Ende des ersten Aufzuges entschieden, während es erst im dritten Akte etwa hätte der Fall sein sollen.

Die fallende Handlung fällt ihrer Ausdehnung gemäss in verschiedene Stufen. Die erste Stufe umfasst das Zusammentreffen Ernsts mit Odo und Hugo auf der Heerstrasse bei Basel und zeigt die nächsten Folgen, welche Acht und Bann für Ernst haben. Auch von dem verlassen, mit welchem er glaubte gemeinsame Sache gegen den Kaiser zu haben und nach dem er in seiner Not gesucht hatte, auch der Hoffnung beraubt, die ihm ein süsser Balsam für seine Wunden und Schmerzen war, ist er unmittelbar dem Untergange nahe, als er Werner findet, der nun die Treue vergilt und durch sein thatkräftiges Wollen die Katastrophe für Ernst hinausschiebt. An diese Stelle will Rudolf Franz in seinem Buche über den Aufbau der Handlung in den klas- sischen Dramen*) Höhepunkt und Umschwung verlegen. Die Worte Ernsts:Nun muss ich wandern meinen rauhen Pfad einsam, umnachtet, ewig herberglos bezeichnen ihm die Höhe der Handlung, und sein Ausruf nach dem Zusammentreffen mit Werner:Jetzt bin ich geborgen, Gott verliess mich nicht deutet ihm den Umschwung an. Wir vermögen an dieser Stelle nur einen, allerdings bedeutsamen Abschnitt in der sinkenden Handlung zu erkennen. Wohl hat sich die Not Ernsts hier noch vergrössert, aber sie kann nicht das Ergebnis eines aufsteigenden Kampfes sein, wie doch die Höhe sein soll, sondern ist nur die selbstverständliche Folge der Acht. Auch vermag sich unmittelbar nach der grossen Achtungscene, die einen erschütternden Eindruck macht, die Wirkung auf den Hörer nicht weiter zu steigern, und so bezeichnet sie auch nach dieser Hinsicht den wahren Höhepunkt. Und wird denn durch das Zusammentreffen mit Werner wirklich ein Umschwung in der Lage Ernsts herbeigeführt, ein Umschwung, der an Bedeutung mit dem zu vergleichen wäre, der am Ende des ersten Aufzuges mit seinem Geschicke vor sich geht? Wohl vermag Werner sein Los mit ihm zu teilen und durch sein männliches Vorbild und seine hingebende Freundestreue auch zu erleichtern, aber den Untergang, dem Ernst seit Acht und Bann verfallen ist, kann er nicht abwenden.

Auf der zweiten Stufe der fallenden Handlung erfahren wir, wie die beiden Freunde das Glück ihres Wiederfindens geniessen und den Entschluss fassen sich in den Schwarzwald zu flüchten und hier alte Anhänger für die Sache des geächteten Herzogs zu werben. Die mächtige, willensstarke, überzeugungstreue, für das Ideal der Freiheit begeisterte Persönlichkeit Werners ist so eindrucksvoll geschildert, dass sie unsere ganze Teilnahme für sich gewinnt und den Helden des Dramas über Gebühr zurückdrängt. Was wir bei der Begründung der That Ernsts vermissten, bei der Zeichnung Werners hat es der Dichter wohl beachtet: er lässt uns einen so tiefen Blick in den Charakter desselben thun, dass wir sein Thun völlig begreifen, dass uns seine unerschütterliche Treue, sein Ausharren an der Seite des Freundes bis zum Tode not- wendig erscheint.

Auf der dritten Stufe wird die Handlung durch das Gegenspiel weiter geführt. Der Kaiser vermutet, dass Ernst in Burgund neuen Anhang zu gewinnen suche, und er hat deshalb Hugo von Egisheim den Auftrag gegeben jedem Friedensbruche der burgundischen Grossen vor- zubeugen. Als dann Mangold die Nachricht bringt, dass Ernst mit einer kleinen Schar im Schwarzwalde umherschweife, wird er abgesandt, um den Aufruhr im Keime zu ersticken. Ge- schickt hat der Dichter in den Bericht Mangolds die Sagen von den Abenteuern Herzog Ernsts im Morgenlande eingeflochten, die sich im Zeitalter der Kreuzzüge an seinen Namen geknüpft haben. Friedrich Notter tadelt in seiner Biographie Uhlands*) mit Unrecht, dass Gisela der Erzählung der Sagen aus dem Munde des Feindes mit Aufmerksamkeit zuhöre und ihn sogar zu weiterer Mitteilung auffordere. Man bedenke doch, dass die liebende Mutter, der jede Fürbitte für ihren Sohn bei ihrem Gemahl versagt war, in der Liebe des Volkes zu ihm und Liebe und Anhänglichkeit ist es, die solche Sagen webt einigen Trost finden mochte. Tritt Gisela schon in diesem Abschnitt in den Vordergrund, ohne dass sie um ihres Eides willen thätig in die Handlung eingreifen kann, so lenkt sie unsere Teilnahme noch mehr in der sich nun an- schliessenden Episode auf sich.

Ehe die Handlung weiter geführt wird, ist eine Episode eingefügt, die das Gespräch zwischen Gisela und Adalbert umfasst. Sie begreift den grössten Teil des dritten Aufzuges und gibt demselben dadurch einen retardierenden Charakter. Mit der Handlung des Dramas ist sie

*) S. 448.**) 8. 428.