Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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5.

wie er bis dahin entwickelt ist, so naturgemäss und selbstverständlich finden, auch wenn sie einem Freunde gälte, der ihm allein unter vielen Treue hielt? Vielleicht fühlte Uhland, wie wenig Teil- nahme der Hörer nach der Exposition des Dramas für seinen Helden empfinden konnte, und hat er geglaubt sie ihm im hohen Masse dadurch zu erringen, dass der scheinbar an Körper und Geist gebrochene Mann aus sich selbst heraus, ohne nur einen Augenblick zu wanken und zu überlegen, den heldenhaften Entschluss kundgibt, um des Freundes willen auf das Herzogtum zu verzichten und Not und Tod entgegenzugehen Wie erhaben uns solch ein ohne alles Zögern gefasster Entschluss auch erscheint, so bedarf er doch einer tieferen Begründung, um uns von seiner Wahrheit zu überzeugen; der Gegensatz zwischen Treue und Untreue in demselben Charakter bleibt sonst unvermittelt bestehen. Geschichtlich betrachtet ist dieser Gegensatz allerdings nicht. in dem Grade vorhanden, wie es uns scheinen mag, denn in jenen Zeiten waren die Empörungen der Herzöge gegen die Kaiser so allgemein, das Gefühl von ihren Pflichten gegen das Reichs- oberhaupt so wenig ausgeprägt, dass man annehmen muss, dass sie von der schweren Untreue, deren sie sich schuldig machten, nicht das volle Bewusstsein hatten. Die Charaktere eines Dramas aber und die aus ihnen fliessenden Handlungen sollen nicht blos geschichtlich, sondern vor allem von rein menschlicher Seite verständlich sein, und uns dies Verständnis zu vermitteln ist eine Hauptaufgabe des dramatischen Dichters. Dazu kommt, dass Konrad für Ernst nicht nur der Kaiser, sondern auch der Stiefvater ist, an den er sich durch die Pflichten des Sohnes gebunden fühlen muss. Wie sollte da in seiner Seele nicht ein Kampf beginnen, ob er dem Gebote des Vaters folgen oder die Pflicht gegen den Freund erfüllen soll? Hatte überdies die Aussicht auf Wiedererlangung des Herzogtums nichts Verlockendes für den, der so heiss nach Erweiterung seiner Macht gestrebt hatte? Schreckte ihn nicht die Gewissheit des Elends, da er doch so sehnsüchtig nach Ruhe und Frieden verlangte? Hätte der Dichter uns diesen Kampf vorgeführt, uns gezeigt, wie sein Held sich allmählich zu dem Entschlusse durchringt, so war der Inhalt der steigenden Handlung gegeben und zugleich Gelegenheit geboten den Charakter Ernsts soweit zu entwickeln, dass nur dieser Entschluss und kein andrer von ihm zu erwarten war. Natürlich hätte er dann die Bedingungen, an die seine Belehnung geknüpft war, nicht erst auf der Reichs- versammlung erfahren dürfen; hier, in Gegenwart der versammelten Fürsten war es unmöglich darzustellen, wie sich der folgenschwere Entschluss aus seiner Seele herausarbeitete; hier blieb ihm nur kurze Zeit zur Beantwortung der vorgelegten Fragen. Auch Gisela und Warmann hätten thätig in die aufsteigende Handlung eingreifen sollen. Wäre die Mutter nicht durch den Eid gebunden worden, so hätte sie vermittelnd zwischen Vater und Sohn treten, jenen um Milde bitten und ihm die Härte seiner Forderung zeigen, diesen an die Pflicht des Gehorsams mahnen und ihm die Not und das Elend vorhalten können, worin er sich von neuem stürzen würde. Wir haben in der Einleitung Warmann als einen schlauen und ränkevollen Mann kennen gelernt, der es auf das Verderben Ernsts abgesehen hat, und wir sollten erwarten, dass er in diesem Sinne bei dem Kaiser seinen Einfluss geltend machte. Auf die dargelegte Weise hätte die Höhe ihre rechte Stelle im Bau des Dramas erhalten und die fallende Handlung wäre beschränkt worden, die so eine unverhältnismässige Ausdehnung durch vier Aufzüge hindurch gewonnen hat.

Mit der Höhe ist zugleich das tragische Moment eng verbunden, das in der Achtung und dem Banne Ernsts besteht; in den Schlussworten des ersten Aufzuges:

Hin fahr' ich, ein zwiefach Geächteter, An meine Fersen heftet sich der Tod, Und unter Flächen krachet mein Genick. Von Werner lass' ich nicht!

sind beide zusammengefasst. Da das tragische Moment etwas Unerwartetes haben soll, so wäre es besser gewesen, der Kaiser hätte nicht schon in der Exposition auf dies furchtbare Gericht als die unvermeidliche Folge von Ernsts Weigerung hingewiesen. Hiermit ist ein völliger Um- schwung in dem Schicksal Ernsts eingetreten; er, der eben noch hoffen konnte in den Besitz seines Herzogtums zu treten und mit dem Kaiser in Frieden leben wollte, der muss nun fried- und heimatlos umherirren und nach Hilfe suchen, um von neuem gegen den Kaiser anzukämpfen. In diesem ungleichen, aussichtslosen Kampfe kann es sich nicht mehr darum handeln, ob Ernst siegen oder untergehen, sondern nur wie er untergehen wird. Die Spannung ist zu früh gelöst; es fehlt der aufsteigende Kampf in der Seele des Helden, dessen Ergebnis die That sein sollte.