Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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Sieben Jahre vergehen, da zieht endlich die Reue ein in des Sünders Brust; er eilt in die Kapelle der Jungfrau Maria und, vor ihrem Bilde auf den Knieen liegend, schüttet er ihr sein Herz aus:

Weh mir verruchtem Sünder! Was wird mit mir geschehn? O daſs mich verschlänge die Erde auf Nimmerwiedersehn!

Da Gott ich hab' verleugnet, zum Satan wollte stehn, Und irdisch Gut und Ehre von ihm wollt' nehmen als Lehn!...

O Gott, was wirst Du thun dem armen Knechte Dein, Der in dem Höllenpfuhl wird schmachten in ewiger Pein, Des Seele drunten wird des Teufels Opfer sein?

Ach öffne dich, o Erde, und schluck den Sünder ein!...

O weh, wie war ich doch verirrt und schlecht beraten, Da ich um irdische Güter hab' meinen Herrn verraten, Um nichtigen Reichtums willen beging die Missethaten, Die so weit mich gebracht, daſs niemand mir kann raten...

Jetzt ist des Bleibens nicht im Himmel noch hinieden.

Wo ist der Ort, der mir noch Zuflucht könnte bieten?

Die Hölle ist mir leid, zu der die Lüste rieten,

Dem Herrn des Paradieses droht' ich mit schlimmem Wüten.

Jetzt ist mir Gott verloren und seiner Heiligen Schar, Da ich dem Höllenfürsten die Huldigung brachte dar, Bekräftigte das Bündnis mit meinem Siegel gar:

Verfluchet sei der Reichtum, der mein Verführer war.

Gott und der Heiligen Schar, die sind mir nun verloren, Und auch Maria, welche den Heiland uns geboren. Doch da sie Gott im Himmel zur Mutter selbst erkoren, So will ich zu ihr beten, ob sie wohl hört den Thoren. Und nun wendet er sich in einem langen und inbrünstigen Gebet an die Jungfrau Maria und fleht sie an, bei ihrem Sohne Fürbitte für ihn einzulegen. Die Heilige erscheint, entreiſst dem Teufel nach hartem Ringen die Urkunde und giebt sie Theophilus zurück, mit dem Be- deuten, sie seinem Bischofe zu überbringen. Dieser liest den Pakt, den Theophilus mit dem Bösen geschlossen hatte, vor allem Volk als abschreckende Mahung vor, worauf der reuige Sünder wieder in die(éemeinschaft der(rläubigen aufgenommen wird. Das Stück endet mit einem von allen Versammelten gesungenen Te Deum. 80 roh der Stoff ist, so hat Rustebuef doch verstanden, ihm frisches Leben einzuflõſsen; der nicht allzu zahlreiche, gut motivierte Scenen- wechsel(der bei der Einrichtung der alten Bühne allerdings keine Schwierigkeiten machte), und

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die doch dabei beobachtete Einheit der Hand- lung, die ausdrucksvolle Sprache, die sowohl für die Blasphemien als für die Reue und demütige Bitte den richtigen Ton trifft, das oft wechselnde, mit Meisterschaft gehandhabte Vers- maſs, die anmutigen Wortspiele lassen uns das Werk als eine kostbare Perle unter den rohen ersten Anfängen des franzöõsischen Dramas hoch- schätzen.

Zu den dramatischen Schöpfungen Ruste- buefs môchten wir auch ein Gedicht rechnen, das wir sehr gut mitMonolog bezeichnen können, einen Vorläufer also jener augenblick- lich in Paris so beliebten Litteraturprodukte fin de siécle; wir meinen den Dit de l'Erhberie, was wir etwa mitDer Wunderdoktor übersetzen könnten. Es ist die einem Quacksalber in den Mund gelegte Anpreisung seiner wunderthätigen Kräuter, und zwar bedient der Wunderdoktor sich zuerst der gebundenen Rede, und dann, Dum den Jahrmarktsbesuchern recht verständlich zu werden, der Prosa. Da der poetische Teil des Dit reich an Zoten ist, wollen wir uns der Wiedergabe desselben enthalten, doch sei das Prosastück mitgeteilt:

Ihr lieben Leute, ich gehöre nicht zu jenen armseligen Maulhelden, auch nicht zu jenen armen Kräutersammlern, so vor der Kirche posto fassen, mit ihren dürftigen, schlecht ge- nähten Mänteln, die ihre Kisten und Säcke mit sich schleppen und sie auf einem Teppiche ausbreiten. Denn es giebt Leute, so Pfeffer, Kümmel und andere Gewürze verkaufen, ohne dafs sie so viel Säcke haben als jene. Wisset, zu diesen Leuten gehöre ich nicht; ich gehöre vielmehr einer Dame, genannt Frau Trote von Salerno*), die sich den Kopf mit den Ohren ein- wickeln kann, und der die Augenbrauen an Silberketten über die Schultern hängen; und wisset, daſs das die klügste Dame ist in allen vier Weltteilen. Diese Dame schickt uns in verschiedene Länder, als da sind Apulien,

4) Anspielung auf Trotola dei Ruggieri, einen berühmten Arzt des XI. Jahrhunderts in Salerno.