Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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Calabrien, Toscana, Terra di Labor, Deutsch- land, Sachsen, Gascogne, Spanien, Brie, Cham- pagne, Burgund, in den Ardennerwald, um die wilden Tiere zu töten und Salben aus ihnen zu gewinnen als Medizin für die, so Krankheit im Leibe haben. Die Dame befahl mir und schärfte mir ein, daſs, an welchen Ort ich auch Käme, ich meine Rede hielte, damit die, so um mich wären, ein gut Exempel daran nähmen, und da sie mich auf Reliquien schwôren lieſs, als ich sie verlieſs, so will ich Euch lehren, wie Ihr Euch von der Wurmkrankheit heilen könnt, falls Ihr mich anhören wollt. Wollt Ihr? In Gottes Namen!

Da fragen mich einige, woher die Würmer kommen. Ich thue Euch zu wissen, daſs sie von verschiedenen heiſsen Fleischspeisen und schweren Weinen kommen. Sie entstehen im Körper durch die Fitze und die Feuchtigkeit, wie denn die Philosophen sagen, dals alle Dinge durch Hitze und Feuchtigkeit entstehen, und so kommen die Würmer in den Körper und steigen bis zum Herzen und lassen Euch sterben an einer Krankheit, so da heiſst Herz- Schlag. Bekreuziget Euch! Gott behüte Euch alle, Mann und Weib!

Und das Mittel, Euch von der Wurm⸗- krankheit zu heilen? Vor Euren Augen seht Ihr es, mit Euren Füſsen tretet Ihr es, das beste Kraut, so ist in allen vier Teilen der Welt: den Beifuſs. Die Frauen tragen es auf dem Leibe am Johannistage und machen sich Hüte daraus und sagen, daſs weder Gicht noch Schwindel sie packen kann, weder am Kopf noch an den Füſsen, noch an den Armen, noch an den Händen; aber es nimmt mich schier Wunder, dafs der Kopf ihnen nicht platæt, und daſs der Körper ihnen nicht mitten ent- zwei bricht so mächtig ist das Kraut. In jener Champagne, wo ich geboren wurde, nennt man es Mutterkraut, das heiſst die Mutter aller Kräuter. Von diesem Kraut nehmt drei Wurzeln, ferner fünf Salbeiblätter, neun Wege- richblätter; stoſst das alles in einem kupfernen

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Mörser mit einem eisernen Stöſset nehmt den Saft drei Morgen auf nüchternem Magen, und Ihr werdet von der Wurmkrankheit geheilt sein.

Nun nehmt die Mützen ab, sperrt die Ohren auf, seht meine Kräuter, die meine Dame in dieses Land und diese Gegend schickt, und da sie will, daſs der Arme wie der Reiche sich derselben freue, so sagte sie mir, ich sollte sie für einen Heller geben, denn mancher hat einen Heller in seinem Beutel, der keine fünf Mark darin hat. Und sie sagte mir und be- fahl mir, ich sollte einen Heller nehmen von dem Gelde, das Kurs hätte in der Provinz und Gegend, wohin ich käme: in Paris einen Parisis, in Vienne einen Viennois, in Orléans einen Orléanois, in Etampe einen Etampois, in Bar einen Barrois, in Clermont einen Cler- mondois, in Dijon einen Dijonnois, in Macon einen Mâconnois, in Tours einen Tournois, in Troyes einen Tressien, in Reims einen Reim- sien, in Provins einen Provenésien, in Amiens einen Monsien, in Arras einen Artésien, in Mans einen Mansois, in Chartres einen Char- tain, in London in England einen Sterling; für Brot, für Wein zu meinem eignen Gebrauch, für Heu, für Hafer zu meines Gaules Gebrauch; denn wer dem Altar dient, muſs vom Altar leben. Und wenn da einer so arm ist, sei es Mann oder Frau, daſs er mir nichts geben Kann, er trete vor: ich will ihm die eine Hand reichen um Gottes willen und die andre um seiner Mutter willen, unter der Bedingung, daſs er von heute ab in einem Jahre eine Messe singen läſst für die Seele meiner Dame, die mich das Handwerk lehrte.

Diese Kräuter, die dürft ihr nicht essen; denn es giebt keinen Ochsen im Lande, und sei er noch so stark, und kein Rolſs, und sei es noch so stark, das, wenn es auch nur so viel wie eine Erbse auf die Zunge nähme, nicht eines bösen Todes stürbe, so gewaltig und bitter sind sie; und was für den Mund bitter ist, ist gut für das Herz. Ihr mülst sie drei Tage lang in guten Weilswein legen;