„wenn Ihr keinen weilſsen habt, nehmt roten; „habt Ihr keinen roten, dann nehmt braunen; „habt Ihr keinen braunen, dann nehmt hübsches „klares Wasser; denn mancher hat einen Brunnen „vor der Thür, der kein Faſs Wein im Keller „hat. Davon mülst Ihr nüchtern dreizehn „Morgen trinken. Wenn Ihr einen Morgen „verpaſst, dann nehmt einen andern; verpalst „Ihr den vierten, nehmt den fünften; denn „Zauberei ist damit nicht verbunden. Und ich „sage Euch, bei der Strafe, die Gott dem Juden „Corbitatz auferlegte, der in dem Turme Abi- „lant, drei Meilen von Jerusalem, die dreiſsig „Silberlinge prägte, für welche Gott verkauft „wurde, Ihr werdet von verschiedenen Krank- „heiten und von verschiedenen Schwächezu- „ständen geheilt sein: von allen Fiebern, ohne „das viertägige auszunehmen, von jeglicher „Gicht, ohne das Podagra auszunehmen; von „allen Hämorrhoiden, wenn sie Euch quälen. „Wenn mein Vater und meine Mutter auf den Tod „lägen, und sie bäten mich um das beste Kraut, „das ich ihnen bringen könnte, ich würde ihnen „dieses geben. So verkaufe ich meine Kräuter „und Salben; wer will, der nehme sie, wer „nicht will, laſs es bleiben.“
Es pleibe dahingestellt, ob Rustebuef diese Pochade auf die Bestellung eines Quacksalbers machte, oder ob er in lustiger Stimmung dies übermütige Boniment niederschrieb, oder ob er damit die ganze Zunft der Wunderdoktoren auf- ziehen wollte— jedenfalls ist die„Erberie“ ein wohl- getroffenes Konterfei der marktschreierischen Anpreisungen von Wundermitteln, wie sie noch heutzutage auf Jahrmärkten zu hôren sind, und wie sie also auch schon im Mittelalter üblich waren.
Wir eilen zum Schluſs. Wenn wir noch erwähnen, daſs Rustebuef einige recht frostige allegorische Gedichte verfertigt hat(Re- nard le Bestourné— Voie de Paradis— Dit d'Vpocrisie u. a.), in denen sich der Einfluſs des Rosenromans aufdringlich bemerkbar macht; wenn wir hinzufügen, daſs er der Verfasser einer kleinen Zahl von lyrischen Gedichten ist,
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von denen einige bei der Darlegung seines Lebens bereits erwähnt sind(La Paix Ruste- buef— De la Poverté Rustebuef— La Mort Rustebuef), andere Nekrologe auf hochstehende Männer enthalten(Complainte dou Conte Huede de Nevers— Complainte dou roi de Navarre — Complainte dou Conte de Poitiers— De mon seigneur Anseau de l'Isle), andere zu Ehren der Jungfrau Maria gedichtet sind(Un Dist de Nostre Dame— LAve-Maria Rustebuef— De Nostre Dame— Les IX Joies Nostre Dame), so glauben wir ein übersichtliches Bild von der poetischen Thätigkeit Rustebuefs gegeben zu haben. Mag man manchmal über den Inhalt denken, wie man will, überall zeigt er sich als Meister der Sprache; es ist eine Freude zu sehen, wie er das, mit dem heutigen verglichen, noch oft ungelenke Idiom handhabt, wie er— ein echter Vertreter des esprit gaulois— nie um den zutreffenden Ausdruck verlegen ist, wie er stets die geeigneten Worte findet, um Groll, Haſs und Erbitterung, Ehrfurcht, Demut und Zerknirschung, übermütigen Witz und scharfe Satire auszudrücken. Und mit dieser Be- herrschung der Sprache verbindet er gleiche Meisterschaft der Form: den schnell dahin hüpfenden Achtsilbner braucht er ebenso ge- wandt, als die Strophe mit ihren verzwickten Reimen; Bilder, Wortspiele jagen einander, und wenn sie auch nicht immer vom besten Tone zeugen, so doch von der geistigen Lebendig- keit und Biegsamkeit des Dichters.*)
Rustebuef ist wahrlich eine Erscheinung des französischen Mittelalters, welche der Be- achtung der Litteraturfreunde würdig ist; ihn auch einem grôſseren Publikum näher zu bringen, ist der Zweck der vorstehenden, auf Wissen- schaftlichkeit keinen Anspruch erhebenden Ab- handlung.
*) Vergl. die S. 3 angeführte Abhandlung von Jordan, Metrik und Sprache Rustebuefs in Franco-Gallia V, und P. Tjaden, Untersuchungen über die Poetik Rustebuefs. Mar- burg 1885.


