Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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(Hier entfernt sich Theophilus von Saladin und überlegt, daſs es doch etwas Ungeheuerliches sei, Gott zu verleugnen; er spricht:)

O weh, o weh, wie soll das enden? Daſs ich an ihn mich mulſste wenden Und Leib und Seele ihm verpfänden, Dem bösen Feind! Verleugne ich jetzt Sankt Nicolas, Und Sankt Johann und Sankt Thomas Und Jesu Mutter, Was wird der armen Seele geschehen? In Feuersglut wird sie vergehen Als Höllenfutter. Dort wird sie ewig bleiben müssen, Im eklen Pfuhl die Sünde büſsen, Die sie beging. Und aus dem ewigen Flammenmeer, Da giebt es kein Entrinnen mehr: Es strotzt von Teufeln. Und finster ist ihr Haus und dunkel, Da sieht man nicht der Sonn' Gefunkel: Da muſs ich hin! Das wär' fürwahr ein schlimmes Spiel, Wenn ich auf Erden hätte viel, Und dafür aus dem Himmel fiel' Zum Höllenpfuhl. Und doch, wer kann es mir verdenken? Denn so umgarnt von tückischen Ränken War nie ein Mensch. Gott schädigt mich, ich kränke ihn: Ich sollt' an dessen Wagen zieh'n, Der so mich plagt? Und war ich arm, jetzt werd' ich reich, Und haſst er mich, haſs' ich ihn gleich: Hervor zum Kampf! Und ob auch Himmel und Erde sein, Ich fürchte nicht sein zürnend Dräup: Ich trotze ihm!

Wir wohnen nunmehr einer Teufelsbe- schwôrung bei, welche Saladin ins Werk setzt; infolge der kabbalistischen Worte erscheint Satan, Theophilus huldigt ihm, worauf jener ihm Wieder- einsetzung in seine Ehren und ungemessene Reichtümer verspricht:

Und ich verspreche Dir hingegen. Daſs Du auf allen Deinen Wegen Vom Glücke sollst begleitet sein,

Im Vollbesitz der reichsten Gaben. Doch muſs ich etwas schriftlich haben,

In klaren Worten, geschrieben fein. Denn oft hat man mich angeführt,

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Weil ich nicht so, wie's sich gebülfrt, Die Sache schriftlich abgemacht.

Theophilus. Ich habe schon daran gedacht: Hier hab' ich den Kontrakt geschrieben.

Satan. Theophilus, mein lieber Freund, Da Du nun bist mit mir vereint, Mulst auch vollführen mein Belieben: Nie darfst Du helfen einem Armen, Und fleht Dich einer um Erbarmen, Verstopf' Dein Ohr, geh' Deinen Weg. Wenn einer sich in Demut naht, Dem weise Hochmut und Verrat; Vor milden Spenden hüte Dich, Den Kranken niemals Tröstung sprich; Denn Demut, Mitleid, Freundlichkeit, Und Nächstenlieb', Barmherzigkeit, Und Fasten halten, Reu' empfinden, Das kann ich nimmermehr verwinden, Das fährt mir gleich in meinen Bauch, So daſs ich fühle arge Pein; Gott lieben, keusch und züchtig sein Und guter Christen sonstiger Brauch Seh' solches ich, dann ist es mir, Als nagt am Herzen Ungetier. Tritt jemand in ein Krankenhaus, Geführt von frommen Mitleids Regen, Um einen Armen dort zu pflegen, Dann fühl' ich bittere Angst und Graus. Wer Gutes thut, ist fromm und bieder, Der ist verhaſst mir und zuwider. Geh' hin, Du wirst sein Seneschal, Das Böse thu', auf keinen Fall Darfst Du ein Richter sein gerecht, Sonst hieltest Du den Pakt gar schlecht.

Theophilus. Ich werde thun nach Eurem Willen Und alles Punkt für Punkt erfüllen,

Da mir durch Euch die alte Macht Und Reichtum wird zurückgebracht.

Inzwischen ist es dem Bischof leid ge- worden, daſs er Theophilus unwürdig behandelt hat; er beschlieſst, ihn wieder in seine Ehren- ämter einzusetzen und schickt seinen Boten Pince-Guerre aus, ihn aufzusuchen. Theophilus tritt seinem früheren Widersacher mit stolzen und übermütigen Worten entgegen, doch findet eine Versöhnung statt.