der heiligen Elisabeth von Thüringen, die, ein Muster an Mildthätigkeit und Frömmigkeit, 1231 im Geruche der Heiligkeit starb, mithin eine Zeitgenossin des Dichters war. Das erste dieser Gedichte, 1296 Verse umfassend, hat er vielleicht auf Bestellung seiner klösterlichen Freunde gereimt, bei denen er seinen Lebens- abend verbrachte, vielleicht auch, um Zeugnis von seiner Sinnesänderung abzulegen; das zweite, ein wahres Epos von 2162 Versen, verfaſste er auf Bestellung des Connetable der Champagne, der dazu wahrscheinlich von der Königin Isabella von Navarra, der Schwester des heiligen Ludwig, aufgefordert worden war.
Der uns zugemessene Raum notigt uns, diese Heiligenleben Rustebuefs mit kurzen Worten abzumachen und uns mit ihrer ober- flächlichen Erwähnung zu begnügen— und wir können dem Leser versichern, dafs er nicht viel dabei verliert. Längeres Verweilen erheischt da- gegen ein dramatischer Versuch unseres Dichters, der damit eine Probe seines vielseitigen Talentes gab, wenngleich eingestanden werden muſs, daſs ihm die Satire und lustiger Spott doch noch besser aus der Feder floſs, als religiöse Poesien. Er verfaſste nämlich das Miracle-Spiel von Theophilus, eines der wenigen ernsthaften Stücke, welche wir aus dem 13. Jahrhundert haben. Rustebuef behandelt darin dramatisch die im Mittelalter allgemein bekannte Geschichte des Vicedoms Theophilus in Cilicien, der bei seinem Bischof in Ungnade fiel und seines Amtes ent- setzt wurde. Uber diese Ungerechtigkeit er- bittert, machte er, durch die Vermittelung eines Juden, einen Pakt mit dem Teufel, bereute aber bald sein Vergehen und wendete sich an die Jungfrau Maria, die den Bösen veranlaſste, den von Theo- philus unterzeichneten Pakt zurückzugeben.
Das Stück beginnt mit einem Monologe des Theophilus, worin er sich beklagt, dafs er, der fromme und gottesfürchtige Mann, durch seinen Bischof so in Not gekommen sei, daſs er dem Hungertode nahe sei. Er macht Gott dafür verantwortlich:
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Da taub er ist auf meine Bitten
Und solches Unrecht hat gelitten,
So schneid' auch ich ihm eine Fratze! Verdammt sei, wer auf ihn vertraut! Ich sag' es offen hier und laut:
Ich acht' ihn nicht'ne tote Katze
Und schere mich nicht um seine Dräuen. Ha, wenn ich könnte ihn belangen
Und könnte stillen das Verlangen,
Nach Herzenslust ihn durchzubläuen! Doch hat er sich in Sicherheit
Vor jedem Zank und jedem Streit Gebracht in seinem Himmel oben,
Wo er verlacht der Feinde Toben.
O, wär' er jetzt in meiner Macht,
Ich hätte bald ihn klein gemacht.— Weh mir! nun bin ich arm, verlassen! Mein lustig Flöten muſs ich lassen! Ganz dumm ist mir im Kopf und irre, Jetzt bin ich matt, jetzt bin ich kirre, Jetzt nenn' ich gar nichts mehr mein Eigen. Was soll ich thun, wo soll ich hin? Der Menschen Umgang muſs ich flieh'n; Mit Fingern wird man auf mich zeigen.
Theophilus nimmt nun seine Zuflucht zu dem Zauberer Saladin; ihm klagt er sein Leid und erklärt, dals es nichts in der Welt gäbe, das er nicht gern thäte, um wieder in den Be- sitz seines Reichtums zu gelangen. Darauf jener:
Wenn Ihr den Gott verleugnen wollt,
Dem Ihr Verehrung einst gezollt,
Ihn und die ganze Heiligenschar,
Und bietet Euch zu eigen dar
Dem, der Euch Euer Geld und Gut
Zurückbringt— wenn Ihr dieses thut,
Dann könnte Euch geholfen werden,
Dann könntet groſs Ihr sein auf Erden,
Und mehr gechrt, als je Ihr wart.
Sagt an, was denket Ihr davon? Theophilus.
Nehmt hin mich, ich bin Euer schon.
Verlanget von mir, was Ihr wollt.
Saladin.
Von mir Ihr morgen hören sollt,
Bis dahin müſst Ihr noch verzieh'n.
Ich bringe wieder Euch zu Ehren,
Der droben da kann es nicht wehren. Theophilus.
Ich danke Euch, Freund Saladin.
Der Gott, den Ihr verehrt, der sei
Euch gutgesinnt und steh' Euch bei.


