Jongleurs, so schmutzig ist ihr Inhalt. Dagegen verdient ein näheres Eingehen das nunmehr zu nennende Fablel: Da Sacrislain et de la fame du cheralier, in welchem das Eingreifen der hei- ligen Jungfrau zum Schutze der sie Anflehenden geschildert wird. Man hatte im Mittelalter für solche in das Gebiet des Wunderglaubens hin-— eingreifende Geschichten den Namen„Miracle“, der also damals nicht nur den dramati—- sierten Wundergeschichten beigelegt wurde. Die Frau eines Ritters ist der Inbegriff aller Tugend, das Muster der Froömmigkeit; besonders richtet sich ihre Andacht auf die Verehrung Unserer Lieben Frau. In der Stadt, in der sie lebt, befindet sich ein Kloster, dessen Sakristan gleichfalls sehr fromm und der heiligen Jung- frau sehr ergeben ist. Die beiden treffen sich oft in der Kirche, und darauf baut Satan seinen Plan: er flöſst ihnen verbrecherische Liebe zu einander ein. Nach langem Zaudern gesteht der Sakristan der Dame seine Liebe(in einer von Rustebuef meisterhaft ausgeführten Scene, die uns zeigt, ein wie guter Kenner des mensch- lichen Herzens er war), und sie beschlieſsen zu fliehen; sie nimmt mit, was sie in der Eile zu- sammenraffen kann, der Mönch plündert den Kirchenschatz. Bald wird die Flucht und das Fehlen auf's Pferd, jagt den Liebenden nach, holt sie bald ein und bringt sie in sicheren(rewahrsam. Hierauf kehren die Verfolger zurück und er- warten voller Ungeduld den Tag des Urteils. In- zwischen kommen die Schuldigen zum Bewuſst- sein ihrer That; reumütig flehen sie zur Mutter (rottes, sie den Klauen des Bösen zu entreiſsen. Und ihre bisherige Frômmigkeit und Lauter- keit wird belohnt; die Jungfrau erscheint ihnen im Gefängnis und führt in Fesseln die beiden Teufel herbei, welche alles Unheil angestiftet hnaben. Sie müssen den Sakristan und die Dame auf den Rücken nehmen und wieder an ihren Ort bringen, auch das Geld und die Kirchen- schätze werden von ihnen wieder an ihre ge- wohnte Stelle befördert. Groſs ist das Erstaunen
der Schätze bemerkt, man wirft sich
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der Mönche, als sie den Sakristan wie gewöhn- lich unter ihnen wandeln und seines Amtes walten sehen; ruhig weist er alle Vorwürfe und alle Verdächtigungen zurück, und der voll- ständig vorhandene Kirchenschat⸗ giebt ihm Recht. Nicht anders ergeht es dem KRitter: als er erwacht, findet er seine Frau neben sich: er macht tausend Kreuze und stürzt schreckens- bleich in das Kloster.„Ihr Herren“, ruft er, „meine Frau ist wieder da, habt Ihr Euern Sakristan?“—„Ja, ja“, so antworten ihm die Mönche;„ein Phantom muſs seinen Spott mit uns treiben! Man eilt zu der Stadt, in welcher die Schuldigen ihres Urteils harren, und findet im Gefängnis die beiden Teufel, welche die Gestalt des Sakristans und der Dame ange— nommen hatten. Um nun endlich klar zu sehen, wird der Bischof herbeigeholt, der auch von den Teufeln, das Geständnis ihrer Missethat erlangt; sie erklären, daſs sie ihre Mühe ver- loren, und daſs sie die beiden nicht zur Sünde hätten verleiten können. Darob groſse Freude bei den Beteiligten.
Im Anschluſs an diese Erzählungen in Versen wollen wir die Heiligenleben er-— wähnen, welche Rustebuef gereimt hat, und die auch im Auſsern jenen ähneln: sie sind in ge- reimten achtsilbigen Versen geschrieben. Die Erzählungen von dem Leben der Heiligen haben im Mittelalter eine groſse Rolle gespielt und eine reiche Litteratur hervorgebracht, deren Blütezeit in das 11.—13. Jahrhundert fällt; zu Rustebuefs Lebzeiten, gegen das Ende des 13. Jahrhunderts, machte sich schon ein Ermatten des Interesses an dieser Litteraturgattung geltend; man sah die Heiligen und ihre Wunderthaten lieber auf der Bühne, als dals man langatmige Gedichte darüber las. Von Rustebuef haben wir zwei solcher Heiligenleben, das der heiligen Maria von Agypten, welche nach einer toll verlebten Jugend sich zu einem frommen Leben bekehrte und zwanzig Jahre als Büſserin in einem einsamen Wald lebte, worauf der Himmel
ihr Verzeihung zu teil werden loß und das


