Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Kutte ein Weib verborgen ist, und die gar nichts dabei finden, daſs Simon sie unter seine

besondere Obhut nimmt. Das Paternoster lehrt er sie, Doch bitte, fraget mich nicht, wie.

Er ist so vernarrt in sie, daſs er sich nicht von ihr trennen kann und sie beständig als Begleiter auf seine Wanderungen mitnimmt. Dadurch jedoch sollte die Sache an das Licht kommen. Einst gelangen nämlich die beiden zu einem RKitter, der sie höflich zur Tafel ein- ladet; die Frau des Ritters merkt jedoch bald, wen sie vor sich hat, und unter dem Vorwande, daſs Bruder Denise ihre Beichte hören soll, führt sie, trotz aller Gegenrede des verblüfft darein- schauenden Mönches, das junge Mädchen auf ihr Zimmer, erklärt ihr dort unumwunden, daſs sie ihr Geschlecht durchschaut habe, und macht ihr freundliche Vorstellungen über ihr Verhalten. Denise legt sich zuerst aufs Leugnen, gesteht aber schlieſslich ihren Fehltritt ein.

Sie senkt' beschämt die Augenlider, Auf beide Kniee fiel sie nieder

Und flehte weinend um Erbarmen. Die beugt' sich nieder zu der Armen Und flöſste Trost und Mut ihr ein, Und nun erzählt das Mägdelein,

Wie jener listig ihr gelogen

Und aus der Heimat sie gezogen

Mit Frevelsinn, voll Lüsternheit.

Der arge Sünder war nicht weit,

Und schnell lieſs ihn die Dame kommen: Jetzt wird ihm keine Ausred' frommen. Ihr Heuchler und verlogener Wicht, Schämt Ihr Euch in die Seele nicht? Gar fromm scheint Ihr nach auſsen hin, Doch arg und faul ist Euer Sinn. Verflucht die Amme, die Euch nährte, Da Euer böses Herz begehrte

Nach dieser Jungfrau zart und rein, Die Ihr betrogt mit falschem Schein. Und das will sein ein Ordensmann, Der solche Dinge richtet an?

Und dabei wagt Ihr zu verbieten, Dalſs sich mit Tanz und Lustbarkeit, Gesang und Spiel das Volk erfreut, Und wilſst Euch selber nicht zu hüten? Nun, Herr mit der geschornen Glatze, Glaubt Ihr, daſs eine solche Fratze

18

Der heilige Franz wird anerkennen?

Mit Schimpf und Schand muſs man Euch nennen, Der Ihr gehandelt als Verräter.

Doch ein so schlimmer Missethäter.

Wird nicht gerechtem Lohn entgehen.

Seht Euren Richter vor Euch stehen.

Auf diese Strafrede groſse Zerknirschung des Mönches, dem die Dame nur dann Ver- zeihung verheiſst, wenn er 400 Livres zahlte, die Denise als Mitgift haben soll. Simon ver- spricht alles, was man von ihm verlangt, und tritt dann schleunigst den Rückzug an, während Denise im Schutz der Dame zurückbleibt. Da- selbst verweilt sie, bis die Summe bei Heller und Pfennig bezahlt ist, worauf sie einen der Ritter heiratet, die früher um sie geworben hatten.

Wer die spätere Novellenlitteratur*) kennt, weiſs, daſs diese muntere Erzählung Rustebuefs viel nachgeahmt worden ist.

Eine ganze Anzahl der uns erhaltenen Fa- blels nehmen den gefoppten Ehemann zum Ziel ihres Spottes und berichten in behaglicher Breite, wie schlaue Frauen verfahren, um ihre Wünsche zu befriedigen und doch dabei den häuslichen Frieden zu wahren. Eine solche Erzählung hnaben wir auch von Rustebuef in seinem Fablel De la Dame qui fist trois lours entour le mous- lier: eine Dame geht zum Stelldichein mit einem Priester(natürlich hat wieder ein Priester die Hand dabei im Spiele!), wird von ihrem Manne, der etwas ahnt, aber nichts weiſs, mit dem Tode bedroht, versteht aber sich frech herauszulügen, so daſs der Ehemann kein Wort sagt, wenn sie wieder einmal sich von Hause entfernt. Ich muſs mich mit diesen unbestimmten Andeu- tungen begnügen, da hier nicht der Ort zu einer näheren Darlegung des pikanten Inhalts ist.

Ebenso müssen wir uns mit der Anführung des Titels begnügen in betreff des Fablels: La Vengeance Charlot le Juif; so interessant die Er- zählung ist für unsere Kenntnis des Lebens der

*) Cent nouvelles nouvelles Nr. 60; L'Heptameron de la Reine de Navarre Nr. 31; La Fontaine's Les Cordeliers de la Catalogne.