Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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Dann wandert Ihr in das Gefängnis. Drauf jener:Lieber Herre mein, Wenn ich nicht wär' von Sünden rein, Wie sehr beklagt' ich mein Verhängnis! Ich stehe vor Euch sonder Bangen. Doch darf ich füglich wohl verlangen, Daſs man mir eine Frist gewährt, Damit von mir erwogen werd',

Wie ich mich reinige vom Verdacht. Der Bischof drauf gar grimmig lacht: Der Aufschub sei Euch noch gegeben; Doch glaubet mir, bei meinem Leben, Ist auch die Sache aufgeschoben,

So ist sie doch nicht aufgehoben. Der Priester trollte sich von hinnen, Durchaus vergnügt in seinen Sinnen; Er kannte gründlich seinen Mann

Und sah ihm an der Nase an,

An welchem Ort ihn drückt der Schuh. Als nun verstrichen ist die Frist,

Und der Termin gekommen ist,

Da holte er aus seiner Truh

An zwanzig Goldducaten vor,

Ganz funkelnd neue Louisd'or,

Und wanderte alsdann fürbaſs

Zum Saale, wo der Bischof saſs.

Der Bischof fährt ihn heftig an:

Du gottvergeſsner, frevler Mann, Hast Du die Sache nun erwogen?

O Herr, ich habe Rat gepflogen, Und alles, alles wohl bedacht, Soweit es steht in meiner Macht. Doch eh' in der erlauchten Rund' Ich öffne meinen armen Mund, Möcht' ich, o Herr, von Euch begehren, Daſs Ihr thut meine Beichte hören; Seid dann Ihr überzeugt davon, Daſs meine Sünd' verdienet Lohn, Daſs ich muſs sühnen mein Verbrechen, So möget Ihr das Urteil sprechen. Der Bischof willfahrt seiner Bitt',

Und jener sachte näher tritt

Und schlau mit seinen Augen blinkt Und seinem Herrn verstohlen winkt Und zieht den Sack mit Louisd'or

Ein wenig unterm Mantel vor,

Damit kein andrer es sehen soll; Dann flüstert er gar demutsvoll

Zum Bischof, der gesehen dies Spiel: Der Worte, Herr, bedarfs nicht viel. Mein guter Esel Balduin

Hat zwanzig Jahr, Gott segne ihn,

Mir treu gedient ohn' Unterlals Noch wird mir drob das Auge naſs. Als Lohn bekam er jedes Jahr

Nen goldnen Thaler blink und bar,

So daſs in dieser langen Zeit,

Bei seiner groſsen Sparsamkeit,

In diesem Säckchen wohl verwahrt,

Er ein Vermõögen sich gespart.

Nun hat er ein Testament gemacht, Worin er Euch das Geld vermacht, Damit er von der Hölle Pein

Recht bald durch Euch erlöst mag sein.Ü Der Bischof schmunzelnd hebt die Händ': Nun denn, beim heiligen Sacrament, Damit er ewige Ruh' mag finden, Vergebe ich ihm seine Sünden,

Die frevelnd er beging hienieden;

Nun aber schlafe er in Frieden! Und die Moral von der Geschicht'?

Hört Rustebuef, der zu Euch spricht: Der Mann, der zu der rechten Zeit

Sein Geld zu opfern ist bereit,

Nicht lange knausert, wenn es gilt

Von sich ein Unheil abzuwehren

Dem wird sein Geld zum festen Schild, Den wird kein Stich noch Hieb versehren. Der Esel, der bezahlt so wacker,

Blieb ruhig in dem Gottesacker,

Der Bischof wies ihn nicht hinaus.

Und damit ist die Fabel aus.

Auf geschlechtliches Gebiet führt uns das FablelLe frere Denise. Die Geschichte han- delt von der Tochter eines Ritters, Denise, die, ein Wunder an Schönheit, doch der Ehe so ab- hold ist, daſs sie mehr als zwanzig Rittern einen Korb gegeben hat und beschlieſst, in ein Kloster zu gehen. Ein F ranziskanermönch, der zu dem Hause Zutritt hat, überredet sie, seinem Orden beizutreten, und so groſs ist seine Macht über sie, daſs sie willenlos seinem Rate folgt. Sie schneidet ihre schönen Flechten ab, zieht Männer- gewandung an und verlälst mit dem Mönch heimlich das Haus der Eltern, ohne zu ahnen, welchen Gefahren sie sich in der Gesellschaft des lüsternen Priesters aussetzt. AlsFrère De- nise wird sie bald der Liebling der Monche des Klosters, in welches sie Bruder Simon ein- schmuggelt, ohne daſs sie ahnen, daſs unter der

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