Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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Wenn Ihr Euch an Prälaten wendet; Wenn Gottes Ehre wird geschändet,

So muſs das die besonders grämen,

Die von ihm Trank und Nahrung nehmen; Sie mögen geh'n, sie mögen streiten

Und so den Himmel sich bereiten.««

»Denk' nicht an Priester und Prälaten, Schau vielmehr auf die Heldenthaten Des Königs, der das heilige Land Beschützen will mit starker Hand, Der keine Müh, kein Opfer scheut, Der Gott sich und sein Haus darbeut, Und ohne Murren dahin zieht,

Wo Jesu Christ Gewalt geschieht.«

»»Bei Gott, ich wäre sinnenlos,

Wollt' ich mich zwecklos reiſsen los Aus altgewohntem, stillem Geleise.

Geht hin, ich wünsch' Euch gute Reise! Mich lasset nur gerubig hier,

Und grüſst den Sultan schön von mir: Mag dräuen er, so viel er will,

Es schert mich keinen Federkiel.««

»»Ich lebe gern mit jedermann

In Frieden, so lang als ich kann,

Geh' früh zu Bett und schlafe fest,

Seh' meine Nachbarn gern als Gäst, Und ob sie da im Mohrenland

Die Köpf' einander blutig schlagen,

Ich rühre deshalb keine Hand:

Mag darum sich, wer Lust hat, plagen.«

Und so dauert der Redestreit noch weiter, bis der Gegner der Kreuzzüge schlieſslich nachgiebt und sich bereit erklärt, den König auf seinem Zuge zu begleiten.

Man kennt den traurigen Ausgang der

letaten Unternehmung des heiligen Ludwig.

Aber Rustebuefs Eifer erkaltet nicht, er wünscht einen neuen Kreuzzug, und er predigt ihn mit auſserordentlicher Begeisterung in der Nouvelle complainte d'outre-mer. Es schmerzt ihn, sagt er, zu sehen, dals man dem Heiligen Lande nicht zu Hilfe kommt. Der Apostel Paulus hat

gesagt, daſs wir alle ein Körper in Jesu-Christ

seien; wir alle sind also Glieder, und doch handeln wir wie Hunde, die sich um einen Knochen beiſsen. Gott ist voller Barmherzig- keit, aber er ist auch ein gerechter, mächtiger

Richter, der am letzten Tage Rechenschaft von uns verlangen wird. Nun denn, König von Frankreich, König von England, die Ihr in Eurer Jugend für Euren Ruhm und Euer Seelenheil kämpfen müſst, ehe Euer Körper unter dem Steine ruht wollt Ihr das Paradies, dann helft dem Heiligen Lande, das verloren geht, wenn Ihr ihm nicht noch in diesem Jahre bei- steht. König von Sizilien, dem Gott die Er- oberung von Apulien und Sizilien gewährt hat*), gedenkt des Evangeliums, welches sagt: Wer nicht Vater und Mutter, Geld und Güter verläſst, der hat keinen Teil an mir. Und Ihr groſsen Barone, Graf von Flandern und von Burgund, Graf von Nevers, welche Schmach für Euch, wenn zu Euren Lebzeiten das Heilige Land uns genommen wird! Ihr Ritter, die Ihr die Kälte nicht scheut, wenn es gilt, zu einem Tournier zu reiten, wie unvernünftig vergeudet Ihr Eure Zeit und gebt das Paradies um eitlen Ruhm hin! Gedenkt des Herrn Gieffroi de Sar- gines, der im Himmel jetzt den Lohn seiner treuen Dienste empfängt, gedenkt des Herrn Eudes de Nevers, dessen Lob in aller Munde ist. Ihr jungen Knappen»mit flaumigem Bart«, Ihr Söhne wackerer Eltern, was seid Ihr doch für Maulaffen und Narren! Wahrlich, Eure Falken sind pesser erzogen als Ihr, die gehorchen doch Eurem Befehle; aber Ihr denkt nur an das, was Euch angenehm ist. Jungfrauen die Ehre rauben, darin leistet Ihr etwas, und be- denkt nicht, was für eine Sünde Ihr auf Euch ladet. Wollt Ihr, um Gutes zu thun, erst warten, bis Ihr alt und grau seid? Und in diesem eindringlichen Tone geht es weiter; Priester, Gelehrte, Bürger, sie alle sollen sich beeilen, dem Lande zu helfen, in dem der Hei- land der ganzen Welt gelebt und gelitten hat. Rustebuef widmet das Gedicht dem Groſsmeister des Templerordens, jenem Guillaume de Beaujeu, der 1291 bei der Belagerung von Accon fiel,

*) Gemeint ist des Königs Bruder Karl von Anjou, der 1265 einen Zug zur Eroberung Siziliens unternahm.