Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Ihr Geistlichen, Ihr Pfründenbesitzer, die Ihr so gut zu leben versteht und Euren Bauch zu Euréem Gotte macht wie schlecht verwaltet Ihr das Erbe des Gekreuzigten! Und Ihr Ritter, was werdet Ihr sagen am Tage des jüngsten Gerichts, wenn Gott Euch seine Wunden zeigen und Euch fragen wird nach dem Lande, wo er den Tod erlitten hat? Drum auf nach Antiochia, ehe es zu spät wird.«

Einige vereinzelte Züge nach Palästina fanden allerdings statt; so unternahm 1265 der Graf von Nevers einen solchen, kam aber zwei Jahre später elend um. Und von neuem erhebt Rustebuef in dem Klagelied, das er jenem Edlen widmet, seine bittende Stimme. Wie muſs sein Herz freudig geschlagen haben, als der Zug gegen Tunis vorbereitet wurde! Freilich, die Zeit des frommen Enthusiasmus war vorüber, und recht weltliche Erwägungen waren an die Stelle der todesmutigen Begeisterung getreten. Rustebuefs GedichtDer Redestreit zwischen dem Kreuafahrer und dem Gegner der Kreuxxüge zeigt uns mit bemerkenswerter Unparteilichkeit den Zwiespalt, der damals die höheren Stände der Gesellschaft in Bezug auf die Kreuzzüge beherrschte. Der Dichter erzählt, wie er einst in seinen eignen Geschäften einen Ritt unter- nommen habe, voll von traurigen Gedanken über das Unglück des heiligen Landes. Da sei er an ein Haus gekommen, in dessen Garten er vier Ritter habe sich ergehen sehen; er sei abgestiegen und habe sich an der Hecke nieder- gelegt, um zu hôren, was sie sprächen. Der eine sei ein Kreuzfahrer gewesen und habe ver- sucht, einen anderen KRitter gleichfalls für den heiligen Zug zu gewinnen.

Der erste Ritter fuhr so fort:

»Mein lieber Freund, hör' auf mein Wort. Du wirst doch nicht in Zweifel ziehen,

Daſs Gott Dir hat Vernunft verliehen,

Daſs Gut und Bös Du kannst erkennen

Und Feind von Freund verstehst zu trennen. Verfährst Du klug mit diesen Gaben,

So wirst Du groſsen Vorteil haben.

13

»Nun siehst Du wohl, was für Beschwerde Betroffen hat die heilige Erde.

Kann der wohl haben kühnen Mut,

Der Gottes Land läſst ohne Hut?

Und würde er hundert Jahre alt,

Nicht kann er so viel Ehr' erwerben,

Als wenn er, gern bereit zu sterben,

Zum Schutz des heiligen Grabes wallt.«

Der andre drauf:»»Wo denkt Ihr hin? Wie kommt Euch solches in den Sinn? Ich sollte so mich selber hassen,

Mein Haus, mein Eigentum verlassen? Und wer soll hüten meine Kleinen? Wer meine Herden, meine Scheunen? Ein Sprichwort hat hier gute Statt: Wer hat, der halte, was er hate«...

»Als Deine Mutter Dich gebar,

Da warst Du nackt und bloſs, nicht wahr? Jetzt hast Du es gebracht so weit,

Daſs Pelz Dich schmückt und warmes Kleid. Hast Gott vergolten Du die Gnaden,

Die er erzeigt dem Körper Dein?

Wirst Du jetzt nicht sein Kämpe sein,

Gereicht es Dir zu ewigem Schaden.«

»»Muſs man, um Gottes Reich zu haben, Denn gleich bis zu den Mohren traben? Seht, wie's die armen Leute treiben, Die ruhig hier im Lande bleiben;

Und wenn sie etwas Geld gespart, Dann machen sie'ne Pilgerfahrt,

Nach Spanien oder Petri Stadt,

Und schlafen sanft und essen satt.

»Drum, kann man Gottes Reich gewinnen So ganz bequem, der Sorgen bar,

Dann müſste man doch sein von Sinnen, Wollt' man sich stürzen in Gefahr.

Ich sollte dienen einem Fürsten,

Dem Ruhm mich opfern eines andern? Nach dieser Ehr' fühl' ich kein Dürsten, Da lasse ich die andern wandern.«

»Gar lästerlich ist dies Gerede,

Und an Verstand scheinst Du mir blöde,

Der Du so ohne Sorg' und Mühen

Gedenkst in Gottes Reich zu ziehen.

Wenn wahr wär', was Dein Mund da spricht, Dann brauchten ja die Heiligen nicht

Mit ihrem Blut und arger Not

Sich zu erwerben ihren Gott.«

»»Wollt Ihr durchaus Genossen dingen, So wird's am besten Euch gelingen,