Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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offenbar im Einverständnis mit dem König, der in dieser Angelegenheit keine schöne Rolle spielte, das vermittelnde Urteil der Schieds- richter, entzog Guillaume und drei andern Lehrern der Universität die Lehrbefugnis und setzte es durch, daſs Guillaume aus Frankreich verbannt wurde. Er muſste sich nach Saint-Amour, seiner in der Franche-Comté gelegenen Geburtsstadt, zurückziehen.

In diesem Kampfe stand Rustebuef auf der Seite Guillaumes, und zwar trat er für ihn mit solchem Eifer und solcher Schärfe ein, daſs man wohl zu der Annahme berechtigt ist, daſs Freundschaft die beiden so verschieden gearteten Männer verbunden habe, die übrigens aus der- selben Provinz stammten und vielleicht von Jugend auf einander kannten. Indem er hier auf der Seite des Mannes stritt, der einen Thomas von Aquino, Bonaventura und Albert den Grolsen zu Gegnern hatte, erhob er sich hoch über die übrigen Jongleurs, hoch über jene marktschreierischen Dichterlinge, die es als ihre Aufgabe ansahen, den süſsen Pöbel zu belustigen.

Mit welcher Energie Rustebuef die Sache seines Freundes und Gönners verteidigte, wie er auch mit den härtesten Vorwürfen gegen König und Papst nicht zurückhielt, das mögen einige Verse aus demDix de Messire Guillaume de Saint-Amour zeigen:

Nun höret, Fürsten und Prälaten,

Die Unvernunft und Missethaten,

Die an Herrn Wilhelm man vollbracht, Den man gethan in Bann und Acht.

So wurde nie ein Mensch vernichtet. Doch Gott, der über alles richtet,

Wird den verbannen von seinem Thron, Der so spricht allen Rechten Hohn. Wer Recht verweigert, Streit begehrt, Und dies sein Recht, das man ihm wehrt, Will Meister Wilhelm unumwunden. Prälaten, ich muſs Euch bekunden,

Daſs darin Ihr Euch habt schimpfiert. Herrn Wilhelm, den hat exiliert

Der Papst entweder oder König.

Nun höret auf mein Wort ein wenig: Wenn so groſs ist des Papstes Macht,

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Daſs er kann thun in Bann und Acht, Wie's ihm gefällt,'nen Ehrenmann,

Der eines andern Unterthan,

Dann ist der König ein Hampelmann, Und seine Macht nicht wert'nen Deut. Und wenn der König sich nicht scheut, Vor allem Volke zu gestehen,

Daſs die Verbannung sei geschehen

Auf Alexanders, des Papstes, Bitte,

Nun, dann ist das ganz neue Sitte,

Von der ich nie etwas gehört.

Denn wahrlich, der Fürst ist nichts wert, Der sich gleich läſst in's Bockshorn jagen Und keinen Widerspruch thut wagen u. s. w.

Auch dieComplainte Guillaume de Saint- Amour behandelt die Angelegenheit in ähn- licher Sprache; der Dichter legt seine Worte der Kirche in den Mund, die sich über ihre falschen Freunde beklagt und über das Schicksal ihrer wahren, besonders Guillaumes, ihres»Vaters«, jammert; sie empfiehlt ihren Ge- treuen dem Schutze Jesu-Christi und der Jung- frau Maria.

Erst nach Alexanders IV. Tode wurde Rustebuefs Wunsch erhért, obgleich schon 1250 die Kollegen Guillaumes eine Bittschrift an den König gesandt hatten: er kehrte im Triumph nach Paris zurück und starb daselbst um 1270. Es könnte nun die Frage aufgeworfen werden, ob sich die Verfolgung von seiten des Papstes nicht auch auf die Parteigänger Guillaumes, also auch auf Rustebuef, erstreckt habe; und da ist allerdings eine Bulle Alexanders vor- handen, der anordnete, in Paris nicht nur das Werk Guillaumes zu verbrennen, sondern auch die»ungeziemenden Gesänge und Reimec, welche gegen die Dominikaner und Franziskaner verfaſst worden seien. Ob wohl Rustebuefs Ge- dichte darunter waren? Die Frage ist wohl mit »nein« zu beantworten, wenngleich er sich an verschiedenen Stellen darüber beklagt, daſs er

nicht mehr frei reden könnte, und in dem Dit

d' Hypocrisie uns mitteilt, daſs vorsichtige Leute sich versteckten, um seine Gedichte zu lesen. Sonst wären wohl eben diese Gedichte