Mühle. Schon lange hatten die Bettelorden die Demut vergeſsen, welche ihre Ordensregel ihnen vorschrieb; der Einfluſs, den sie bei ihrer Be- rührung mit allen Klassen der Gesellschaft auf dieselbe ausübten, war ihnen zu Kopf gestiegen, sie hielten sich für von Gott inspirierte Er- neuerer der Kirche, und einer von ihnen, Johann von Parma, hatte die Naivität, gehabt, ein neues Evangelium zu schreiben, L'Evangile Eter- nel, in welchem die Absichten und Lehren des Ordens mit groſser Verwegenheit vorge- tragen wurden. Ihren Einfluſs suchten sie aber vornehmlich auf die Universität auszudehnen und sie trachteten danach, sich in den Besitz von Lehrstühlen zu setzen, von denen herab sie ungestért und nachdrücklich wirksam sein könnten. Im Anfang der Regierung Ludwigs IX. hatten sie es bei dem Bischof von Paris durchgesetzt, daſs ihnen ein Lehrstuhl der Theo- logie übertragen wurde, und kurz darauf noch einer. Nachdem sie nun einmal in der Univer- sität Fuſs gefaſst hatten, suchten sie sich daselbst unabhängig zu machen; sie weigerten sich, die Statuten zu beobachten und für die Interessen der anderen Lehrer einzustehen. Mit Aus- schlieſsung bedroht, klagten sie ihre weltlichen Collegen an, gegen die Kirche und gegen den König zu konspirieren, und brachten die Sache sogar vor den Papst, überzeugt, daſs er ihnen Recht geben würde. Bei dieser Gelegenheit ver- faſste Rustebuef, der ein eifriger Anhänger der Universität war, seine„Descorde de l' Universilé el des Jacobins“:
Heut muſs ich von einer Zwietracht sagen, Die zu Paris in diesen Tagen
Gewisse Leute eifrig schüren,
Die Glauben, Mitleid, christlich Leben Und Friede, Eintracht, ehrlich Streben Beständig in dem Munde führen;
Doch muſs mir jeder pflichten bei,
Daſs Wort und That sind zweierlei.
Es ist Euch wohl gleich klar geworden: Gemeint ist der Jakobiner-Orden.
Von Gott hat er den Mund stets voll, Wie sündhaft Zorn und Hals und Groll, Und wie verliert die Seligkeit,
Wer seinen Bruder haſst voll Neid— Und er ist's, der den Kampf begehrt, Weil man die Hochschul' ihm verwehrt.
Als einst sie kamen auf die Welt, Da war's mit ihnen wohlbestellt:
Sie waren rein, der Tugend Hort, Und ehrten Gott und Gottes Wort. Jedoch der Stolz zog ein bei ihnen; Nun eilen sie mit trotz'gen Mienen, Wo Undank sich und Hoffahrt bläht, Zum Sturz der Universität.
Und dennoch sollte jeder streben
Die Universität zu heben,
Da sie Brot, Bücher und Gedanken, Kurz, was sie sind und was sie haben, Der Universität verdanken.
Wie lohnen sie so hehre Gaben?
Dem Teufel gleich, der den zerreiſst, Der sich seinen treusten Diener heiſst.
Der kühnste Verteidiger der Universität war einer der weltlichen Professoren, Guillaume de Saint-Amour. Auf dem Katheder und in seinen Schriften kämpfte er gegen die Bettelorden mit derselben Schärfe und denselben Waffen des Spottes, wie Rustebuef; besonders donnerte er gegen das»Ewige Evangelium« Johanns von Parma, das ihm gotteslästerlich und gefährlich erschien, und zu dessen Widerlegung und Ver- nichtung er das Buch von»den Gefahren der jüngsten Zeit« verfaſste. Selbstverständlich setzten sich die angegriffenen Orden zur Wehre, und so tobte die Fehde eine ganze Reihe von Jahren, 1250— 1257. Der Papst verdammte zwar beide Bücher, aber seine Unparteilichkeit war nur scheinbar, denn er schleuderte nicht weniger als vierzig Bullen gegen die Universität und verfolgte Guillaume de Saint-Amour mit seinem tiefsten Haſse. 1256 suchte eine Pariser Synode unter dem Vorsitze des Erzbischofs von Sens den Streit zwischen der Universität und den Jakobinern zu beenden; Guillaume hatte bei dieser Gelegenheit eine Zusammenkunft mit dem Könige, der ihm das Versprechen abnahm, sich dem Urteil der erwählten vier Schiedsrichter zu unterwerfen, wohingegen er sich anheischig machte, die geistlichen Orden zu zwingen, ein Gleiches zu thun. Der Papst Ledocn kassierte,


