Ach, daſs so spät mir kommt die Reue! Daſs ich so spät an Gottes Treue
Und seine Liebe lernte glauben!
Wenn kaum der Fromme wird bestehen, Wie wird's mir Armem erst ergehen? Muſs das nicht allen Trost mir rauben? Genährt hab' ich, o schlimmer Gauch, Mit fremdem Gut den faulen Bauch, Und keiner that's mir gleich im Lügen. Wenn ich nun sag: Ich wulst' es nicht, Wie Demut und wie Reue spricht, Das wird dem RKichter nicht genügen. Dem Leib hab' ich gethan den Willen; Und um den Beutel mir zu füllen,
Hat mich der Satanas verführt,
Daſs manches Lied ich hab' gesungen, Wozu man heimlich mich gedungen, Mit Geld den Mut mir angeschürt. Wird Gottes Mutter voller Milde
Mir armem Sünder nicht zum Schilde, Dann fürchte ich gar schlimmen Lohn. Mir hilft kein Arzt; kein Wundermann Mit seinen Mitteln nützen kann,
Als nur allein Mariens Sohn.
So war denn der rege, streitlustige Geist Rustebuefs kirre gemacht, nur fromme Gesänge flossen ihm noch aus der Feder, auch eine Art religiösen Dramas schuf er damals— ohne auch hier seine Formgewandtheit und seinen poetischen Sinn zu verleugnen. Wo und wann er gestorben ist, wissen wir nicht, wahrscheinlich hat er in einem Kloster, fern von dem Getriebe der Welt, sein Leben beschlossen, in diesem seinem Geschicke gleich so manchem kühnen Trobador und Trouvère, von denen uns die Litteraturgeschichte erzählt.
Wenn wir nun dazu übergehen, die zahl- reichen und inhaltlich mannigfaltigen Werke Rustebuefs zu besprechen, so müssen wir in erster Reihe seine satirischen Dichtungen erwähnen. Und da müssen wir in hohem Malse erstaunen über die Entschlossenheit, über die Verachtung der ihm wegen seines Freimutes drohenden Gefahr, mit der Rustebuef dem
pfäffischen Unwesen seiner Zeit entgegengetreten jst. Wir besitzen von ihm ein Gedicht,»La
chanson des Ordres«, in welchem ex die ganze Schar der sich unter Ludwig IX. breitmachen- den religiösen Orden aufmarschieren läſst, nicht ohne jedem ein bezeichnendes Witzwort anzu- hängen. Da erscheinen zunächst die Prediger- mönche, auch Dominikaner oder Jacobiner(ihr Kloster lag in der Rue St. Jacques) genannt, die äuſserlich groſse Armut zur Schau tragen, aber in ihrem Schatz manches Goldstück auf- speichern, bei dessen Erwerb es nicht redlich zugegangen ist; dann folgen die Minoriten oder Franziscaner, die das Evangelium im Munde führen, aber nicht danach thun; dann die Trini- tarianer, die ihrer Ordensregel zufolge nur auf einem Esel reiten dürfen, und denen der Dichter sarkastisch zuruft:
Schlau seid ihr und bedacht, Habt aus Eseln Rosse gemacht.
Die Carmeliter(auch Frères Barrés ge- nannt, wegen ihrer mit Querstreifen besetzten Tracht) verstehen gut zu leben,»vierschrôtig und feist sind sie«; nicht minder die Frères Sachers(Frères du Sac, ein nur kurze Zeit be- stehender Bettelorden): sie sehen aus wie gut genährte Senner, die aus ihrem Kuhstall treten. Und nun gar die weiblichen Orden! Die Filles du Roi, auch Filles-Dieu genannt, ein von Ludwig IX. geschaffener Nonnenorden mit widerrufbaren Gelübden, bewegen Rustebuef zu dem Ausruf:
Hundertvierzig Töchter und mehr
Machen des Königs Beutel leer.
Hat sich ein Edler je vermessen
Und so viel Töchterlein besessen? Am schlimmsten aber treiben es die Beguinen, einer der ältesten weltlichen Orden, welche sich 1258 in Paris niederliessen und durch ihr skan- dalöses Leben, das ihnen durch sehr bequeme Ordensregeln erleichtert wurde, allgemeinen Unwillen hervorgerufen zu haben scheinen; ihnen schleudert Rustebuef einige seiner schärfsten und bittersten Worte entgegen, die sich hier der Wiedergabe entziehen.
Nicht minder interessant ist in diesem
Sinne das Gedicht:»Les Ordres de Paris«, nur


