das Bild, das er uns in der»Complainte Ruste-— buef« entrollt: seine Frau ist in die Wochen gekommen und liegt schwer krank darnieder; im anderen Bett liegt er selber krank: er hat sein rechtes Auge verloren, das Auge,»auf dem er am besten sah; sein Pferd hat ein Bein ge- brochen; der Wirt verlangt drohend die Miete; die Amme will ihr Geld haben, sonst»würde der Junge zurückkommen und im Hause brüllen«; alles ist verkauft und verpfändet. Und
seine Freunde? Wo sind die Freunde mir geblieben, Die ich umfaſst mit meinem Lieben Und so gehegt?
Mir scheint, sie waren dünn gesät; Nun hat darüber der Wind geweht, Sie fortgefegt.
Er wendet sich mit dem Gedicht an den Grafen von Poitiers, den Bruder des heiligen Ludwig, einen seiner Hauptgönner, und verspricht, ver- nünftig und nüchtern zu werden, woraus man folgern könnte, daſs er in seine alten Fehler verfallen sein mag. Man darf wohl annehmen, daſs der Graf aus den launigen Worten des Dichters ersehen hat, wie nahe ihm das Weinen war, und daſs er seiner Not ein gnädig Ohr geliehen hat.
Doch einige Jahre später, zur Zeit des Kreuz- zuges gegen Tunis, scheint Rustebuef an den äuſsersten Rand des Elends gekommen zu sein; jetzt wendet er sich direkt an den König.»Ich weiſs nicht, wo ich beginnen soll«, ruft er aus, »wenn ich von meiner Armut sprechen will. Von anderer Gut habe ich gelebt, das man mir geliehen hatte; jetzt aber lassen mich alle im Stich, da man mich als arm und verschuldet kennt; jeder weiſs sich meinen Bitten zu ent- ziehen, und ist nur darauf bedacht, sein eigen Gut zu hüten; Ihr, Herr König, habt selbst Schuld daran, denn auf zwei Kreuzzügen habt Ihr mir auch die paar guten Leute entzogen, die mir noch zu helfen pflegten.
Jetzt hilft mir keiner auch nur ein wenig; Vor Kälte hust' ich, vor Hunger gähn' ich, Halb tot bin ich und übel dran.
Nicht kenn' ich Decken mehr und Betten, Im ganzen Reich, drauf will ich wetten, Giebts keinen solchen armen Mann.
Ich muſs auf einem Strohsack liegen:
Ein Bett von Stroh ist kein Vergnügen, Wie ich Euch wohl versichern kann.
So thue ich Euch denn zu wissen:
Des Brots zu kaufen einen Bissen
Fehlts mir an Geld, fehlts an Kredit. Hier in Paris, von Glanz umgeben,
Führ' ich ein reines Hundeleben,
Glaubt, edler König, meinem Lied.
Nicht eine Mark mehr in der Hütte;
So sehr ich auch Sankt Marcus bitte, Das Wunder nimmermehr geschieht; Was»Vater« sein heiſst, das weiſs immer, Was»unser« ist, wahrhaftig nimmer
Mein sorgenvoll beschwert Gemüt.
Aber der König hat diese Verse kaum ge- lesen, er und viele seiner Getreuen sahen ihr Vaterland nicht wieder und büſsten ihr Leben in der Fremde ein. So wurde denn der Dichter seiner letzten Zuflucht beraubt; ein anderer König, andere Groſse kamen auf, die Zeiten änderten sich, und man sah den armen und ver- kommenen Trouvéère über die Schulter an. Auf diese Gelegenheit scheint die Geistlichkeit, sein Hauptgegner, nur gewartet zu haben; jetzt lockte man den mürbe gewordenen Mann mit dem Trugbild eines behaglichen Alters, unter der Bedingung, dalſs er sein Reimen lieſse, oder es wenigstens in den Dienst der Kirche stellte und alle satirischen Pfeile im Köcher behielt. Wir haben ein tief trauriges Gedicht von Ruste- buef, welches uns einen Einblick in seinen Seelen- zustand gewährt, und das er sehr bezeichnend »La Mort Rustebuef« nennt:
Jetzt muſs ich wohl das Reimen lassen! Kann ich es selber doch kaum fassen, Daſs ichs so lange hab' getrieben!
Fast will mir brechen drob das Herz, Daſs, nur ergeben nichtigem Scherz,
Ich konnt' vergessen, Gott zu lieben. Statt Psalmensingens, frommer Lieder, That ich, was Göttlichem zuwider,
Und hing an irdische Lust den Sinn. Wenn nun beim groſsen Weltgericht Nicht Jesu Mutter für mich spricht, Dann möchte schlimm sein mein Gewinn.


