Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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Dann hab' ich meinen Witz vergessen, Dann bin ich nackt, hab' nichts zu essen, Vollständig blank!..

Ich will's nur zu gestehen wagen: Die Würfel schuld an allem tragen, Ohn' jeden Zweifel!

Wie Späher liegen sie am Wege, Sie packen mich auf jedem Stege, Hol' sie der Teuſel!

Sie ziehen aus mir Rock und Weste, Kennt jemand wohl so schlimme Gäste? Sie morden mich! Er weiſs wohl, wie sehr ihn das Würfelspiel schädigt, wie es ihn zur Trunksucht verleitet, wie es ihn an den Bettelstab bringt umsonst, c'est plus fort que lui.

Durch irgend welche Umstände, sei es durch ein ausgedehnteres Wanderleben, sei es dadurch, daſs er sich einem der burgnndischen Groſsen anschloſs, kam er nach Paris und wurde schnell in die politischen, religiösen und litterarischen Streitigkeiten seiner Zeit hineingerissen. Auch scheint er sich frühzeitig verheiratet zu haben, doch entriſs ihm der Tod seine Frau nach kurzer Zeit, ihn wieder in das unstäte Vagabundenleben zurückwerfend. In die folgenden Jahre fällt die Abfassung seiner Satiren; er hatte die Welt, besonders aber das Treiben der Geistlichkeit und der Mönchsorden zur Genüge kennen ge- lernt und schleuderte nun seine scharfen Pfeile gegen Verlogenheit und Heuchelei. Freilich darf man nicht glauben, daſs ihm immer die eigne Uberzeugung die Feder in die Hand ge- drückt habe:

Gereimt hab' ich und hab' gesungen,

Und manches Lied ist mir gelungen, Wozu man heimlich mich gedungen...

sagt er von sich selbst in dem Gedicht»La Mort Rustebuef«. Nebenbei verdiente er seinen Unter- halt durch Abfassung von Nekrologen(Com- plaintes) auf hochstehende Personen, von alle- gorischen Reimereien, vor allem aber durch lustige Erzählungen(Fablels), wie sie damals

besonders beliebt waren. Im Jahre 1261 heiratete er zum zweiten

Male, nicht zu seinem Heile: denn seit dem Tage

seiner Hochzeit hat er keine vergnügte Stunde mehr gehabt. In dem Gedichte»Le Mariage Rustebuef« klagt er sein Leid: Eintausend zweihundert sechzig Jahr,*) Seitdem Maria ihn gebar, Der aller Sünder Heiland war, Vergangen sind; Acht Tage nach dem Weihnachtsfest, Wo durch die kahlen Bäume bläst Der eisige Wind Beging ich meine Narretei, Da brockte ich mir ein den Brei, Daran ich würge. Hab' je ich jemanden gekränkt, Nen bösen Schimpf ihm angehänget, Des bin ich Bürge: Sieht der in meinem Unglück mich, Vergiebt er mir ganz sicherlich Von ganzem Herzen... Ein Kreuzzug ins Agypterland Ist nicht so schwierig als der Stand, In dem ich lebe. Und nun erzählt er, wie er seinen Feinden ein erwünschtes Schauspiel gegeben habe, indem er ein Weib heimführte, das auſser ihm niemand achtet noch liebt. Arm ist sie wie eine Kirchen- maus, fünfzig Jahre hat sie auf dem Rücken, so mager und häſslich ist sie, daſs er ihrer ehe- lichen Treue sicher sein kann. Dazu die gröſste Not in der Wirtschaft; seit der Zerstörung Trojas hat man solches Elend nicht gesehen. Die Hoffnung auf den nächsten Tag ist sein einziges Fest; man könnte ihn für einen Priester halten, denn man bekreuzigt sich vor seinem Unglück mehr, als wenn er das Evangelium sänge. Die Märtyrer waren besser dran, sie wurden geröstet, gesteinigt, gevierteilt, dann aber war auch ihre Pein vorbei, die seine dauert sein ganzes Leben ohne Nachlaſs.

Aber es sollte noch schlimmer kommen, und Rustebuef sieht sich genôtigt, Gott zu bitten, dals er ihn über sein Unglück nicht den Verstand verlieren lasse. Traurig genug in der That ist

*) Nach heutiger Rechnung 1261, da damals das neue Jahr zu Ostern anfing. Wenn Rustebuef zur Zeit seiner Heirat etwa 40 Jahre zählte, so würde seine Geburt ungefähr in das Jahr 1220 fallen.