Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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desperance: remembrance: franche 31, 60 sind wir durchaus nicht berechtigt, den Schluſs zu ziehen, daſs Rustebuef nicht im Dialekte von Ile-de-France geschrieben habe. Auch in anderen, sonst rein dialektischen Gedichten finden sich solche Ausnahmen, die sehr oft einfach als Reimlicenz aufzufassen sind. Ich mõöchte aus dem Vorkommen dieser Formen den Schluls ziehen, daſs Rustebuef seine Jugend in der Bourgogne verlebt hat, daſs er frühzeitig nach Paris gekommen ist, und dals ihm bei seiner in der Hauptstadt entwickelten poetischen Thätig- keit solche Reminiscenzen an seine öostliche Heimat in die Feder gekommen sind ein Schluſs, in dem ich durch die oben erwähnte Annahme Paulin Paris' bestärkt werde. Untersuchen wir nunmehr, was wir aus Rus- tebuefs Werken über sein Leben erfahren. Geboren wurde er, wie eben ausgeführt worden ist, in Burgund. In behaglichem Nichtsthun, allenfalls seine Muſsezeit mit der Lektüre der zeitgenõössischen Litteratur ausfüllend, scheint er aufgewachsen zu sein, ohne Sorge um den kommenden Tag; hatte er doch ein Gut, das ihn immer wieder aus der Verlegenheit riſs: seine Gabe zu reimen und seinen witzigen Vortrag. So ist er wohl im Lande umher- gezogen, Familienfestlichkeiten mit seinen Ge- dichten verschönend, vornehme Leute beim Mahle ergötzend, oder auch auf Marktplätzen und öffentlichen Wegen die Menge mit rohen Spässen und Zoten zu brüllendem Jubel hin- reissend. Er gehõrte zu jener Zunft, die das Mittelalter mit Jongleurs bezeichnete, und

von der er selbst sagt: Es ist doch männiglich bekannt, Und jeder weiſs es in dem Land: Wird wo geſeiert das Hochzeitsfest, Und scharen sich zuhauf die Gäst', Gleich wandern auch die Sänger hin Auf so was geht ja stets ihr Sinn Bergauf, bergab, zu Fuſs, zu Roſs Eilt flugs herbei der Sänger Troſs. (Charlot le Juif.) Diese Jongleurs wurden stets mit Freuden

aufgenommen und heimsten reichen Lohn ein,

der gewöhnlich in Kleidungsstücken und Lebens- mitteln bestand. Da es aber nicht alle Tage Feste gab, bei denen es hoch herging, so sahen die Jongleurs auch bittre Not oft genug bei sich zu Gaste; auch Rustebuef wuſste ein Lied davon zu singen. Diese Schattenseiten seines Standes hat er mit gelassener Ruhe ertragen, sein leichtlebiges Temperament half ihm über alle Sorgen hinweg. Er ist freigebig, wenn er die Tasche voll hat; geht es ihm schlecht, so borgt er seine Gönner an, ohne sich sehr um die Zurückerstattung zu grämen. Daſs man ihm einmal Gleiches mit Gleichem vergilt, macht ihm wenig aus; wir kennen den Namen eines seiner Schuldner, dem er in liebenswürdiger Ironie ein Gedicht widmet: Der Brichemer's Geschäft versteht: Wie fürsorglich er früh und spät Sein Gut zu bessern ist bedacht! Dabei so höflich, sanft und sacht! Im Versprechen steht er seinen Mann, Jedoch vom Halten merk' ich wenig; Auf meine Gelder ich warten kann, Wie die Bretonen auf ihren König. Ach Brichemer, lieber Herre mein, Ihr habt bezahlt die Schuld gar fein: Euer Beutel drum nicht leerer ist, Das sieht doch jeder gute Christ. Nun laſst mich einen Rat Euch geben, Es kostet ja nicht gleich das Leben: Schreibt Euer Versprechen auf Pergament, Sei's auch in Eurem Testament. Den tollen Vergnügungen und Lasternseiner Zeit wird unser Jongleur nicht abgeneigt gewesen sein; besonders aber war er dem Würfelspiel leidenschaftlich ergeben, einem hauptsächlich Burgund heimsuchenden Ubel, das ihn oft genug in die gröſste Not und Verzweiflung brachte. Der gute Gott im Himmelszelt, Er hat's mit mir gar schlimm bestellt, Mir armem Tropf!..

Zur lieben Sommerzeit, juchhei! Da sing' ich wie ein Vogel frei, Trag' hoch den Kopf.

Naht aber sich der Winter kalt, Dann bin entblättert ich gar bald, Ade, Gesang!