Champagne wäre, und stützt sich dabei auf die Orthographie in dem Gedicht»Renart le Bes- tourné« und auf die Stelle in»Herberie Ruste- buef«: En dele Champaingne ou je fui nex (S. 118, 37). Doch bemerkt Paulin Paris ganz richtig, daſs die drei hauptsächlichsten Handschriften, welche die Werke des Dichters enthalten, verschiedene Nuancen der Sprache aufweisen, die den Kopisten zur Last fallen, und in der zweiten Stelle sei Champaingne als Feld, Thal zu nehmen. Jubinal stellt sich auf die Seite von Paulin Paris, nur dals er Champaingne als die Provinz Champagne genommen wissen will; doch môchte er aus dieser Stelle keinen Schluſs auf die Herkunft Rustebuefs machen, da die»Herberie« nicht ernsthaft gemeint, sondern einem Quacksalber in den Mund gelegt sei. Doch weist er auch Paris' Meinung, daſs, da Rustebuef in seiner Complainle Gefroy de Sargines genauere Kenntnis der intimen Verhäaltnisse dieses Mannes zeige, er in dessen Umgebung, zu Sargines bei
Sens, auf der Grenze der Champagne und Burgunds, aufgewachsen sein muls, zurück, denn in den übrigen Complaintes zeigte
er dieselbe genaue Kenntnis von dem Leben der Männer, deren Lob er singt, und müſste demnach ebenso gut in der Champagne, in Poitou, in Languedoc aufgewachsen sein. Er neigt sich vielmehr der Meinung zu, dals Rustebuef ein echtes Pariser Kind sei; aus vielen Stellen seiner Gedichte gehe hervor, daſs er in der Hauptstadt wohnte und sie kaum je verlassen hat.
Die Frage ist bei den geringen Anhalts- punkten, die uns Rustebuefs Gedichte liefern, schwer zu entscheiden. Und dennoch besitzt die Wissenschaft ein Mittel, Licht in die Sache zu bringen. Es ist ja richtig, daſs die Schreibung in den Handschriften von der Willkür des Schreibers abhing, der jedesmal die Sprache des engen Bezirkes seiner Mundart zur Geltung zu bringen suchte; was aber der Kopist nicht ändern konnte, das waren die Reime,
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denn an sehr vielen Stellen würde der- Reim sofort verschwinden, wenn man das eine Reim- wort durch seine mundartliche Form ersetzen wollte. Betrachten wir nun die Reime*) unseres Dichters, so erkennen wir mit Leichtigkeit, daſs bei ihm vom normannischen Dialekte keine Rede sein kann, da die in diesem Dialekt streng geschiedenen Silben—an und—en unter ein- ander gebunden werden, da für— ie niemals — ei eintritt(wie z. B. peid für pied); da lat. 8 in betonter offner Silbe nie ei, sondern oi er- giebt; da das Imperfektum stets auf— oie, nicht auf—eve endigt. Auch das Pikardische ist ausgeschlossen, da der Dichter stets z. B. gentiz, nie gentius sagt, l also nach 6 und ĩ ausfallen läſst; da e vor ursprünglich hellem Vokal« bleibt, vor ursprünglich dunklem aber zu ch wird; desgleichen das Burgundische und Lothringische, da aus der lat. Perfekt-Endung —arunt stets—erent wird, nicht— arent, da ferner a in geschlossener Silbe zu a, nie zu at wird. Hieraus geht hervor, dals Rustebuef in der Sprache von Ile-de-France schrieb. Ich habe daher auch bei der Herausgabe der Werke des Dichters die Schreibung zu grunde gelegt, welche der berühmte Fablel-Codex 837 der Pariser Nationalbibliothek— in welchem der gröſste Teil der Gedichte Rustebuefs erhalten ist— aufweist, da er mir den Pariser Dialekt am besten zu repräsentieren schien; die in den anderen Handschriften enthaltenen, in anderen Dialekten geschriebenen Gedichte habe ich uniformiert.
Wegen der nicht francischen Formen, wie mi für moi(im Reime mit enemi und ami 26, 81 und 42, 610), veir für veoir(im Reime mit beneir 55, 861), der Pluralform enterriens für enterrions(ſim Reime mit riens 55, 1207) wegen der vereinzelt vorkommenden Bindung von iFe mit ie, wegen des pikardischen Reimes
*) Da an dieser Stelle auf das Nähere nicht eingegangen werden kann, so sei auf Jordan's klare und übersichtliche Abhandlung Metrik und Sprache Rustebuefs in der Zeitschrift»Franco-Gallia« V, S. 213, 255, 331 verwiesen.
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