Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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der Erzählung in Versen, das Fablel, mit ihren pikanten und durchaus nicht bléden Scherzen und satirischen Anspielungen; erwähnen wir endlich noch, daſs der Roman de Renart um neue»branches« vermehrt wurde, und daſs Jean de Meun den Rosenroman, der in den ersten Jahren der Regierung des heiligen Ludwig be- gonnen wurde, während der Regierung Philipps III. zu ende führte.

Unter den eben genannten beiden Fürsten hat auch Rustebuef gelebt. In den meisten Litteratur- Kompendien wird er nur als be deutender Satiriker erwähnt; ein Blick auf seine Werke aber zeigt, daſs er abgesehen von dem bereits in die Zeit des Verfalls eingetretenen Heldenepos und dem seinem Charakter wenig entsprechenden Liebeslied, als dessen Haupt- vertreter im 13. Jahrhundert Thibaut IV. von Navarra gilt sich an alle Zweige der Dicht- kunst gewagt hat und sein Talent in lyrischen, satirischen, allegorischen Gedichten, im Drama, in Heiligen-Leben, in Fablels bewährt hat, so daſs er als der vielseitigste und vollständigste Vertreter der altfranzôsischen Litteratur gelten kann*).

Die Nachrichten über das Leben der alt- franzõsischen Dichter flieſsen spärlich, von den meisten ist uns nur der Name und der Heimats- ort bekannt, in bezug auf ihre übrigen Ver- hältnisse sind wir auf dürftige Notizen in ihren Werken angewiesen, falls wir nicht gezwungen sind, ganz auf die Kenntnis derselben zu ver- zichten. Was nun den Dichter anbetrifft, mit dem wir uns in den folgenden Blättern be- schäftigen wollen, so wissen wir von seinem Leben verhältnismäſsig viel, über den Ort seiner Herkunft nichts, über seinen Namen haben sich

Streitigkeiten erhoben.

*) Ausgabe seiner Werke von Jubinal(Oeuvres com- plètes de Rutebeuf, trouvère du XIIIe siècle. Paris 1859 und 1874); von Kreſsner(Rustebuefs Gedichte. Nach den Handschriften der Pariser Nationalbibliothek heraus- gegeben. Wolfenbüttel 1885). Wir zitieren nach der letzt- genannten Ausgabe.

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Er erwähnt zwar seinen Namen oft und knüpft Wortspiele daran, wie besonders die folgende Stelle zeigt(298, 2122 2134):

Se Rustebues rudement rime Et se rudesce en sa rime a, Prenez garde qui la rima. Rustebues, qui rudement œvre, Qui rudement fet la rude œvre, Qu' assez en sa rudesce ment, Rima la rime rudement;

Quar por nule rien ne croiroie Que bues ne feist rude roie, Tant i meist l'en grant estude. Se Rustebues fet rime rude,

Je n'i pert plus; mes Rustebues Est aussi rudes come bues.

Aber Jubinal und Paulin Paris sind der Ansicht, daſs der Name Rustebuef, da er stets ohne Taufnamen oder Vornamen sich findet, nur ein Beiname, ein»nom de guerre« sei. Die Beobachtung, daſs die alten Dichter sich entweder beim Vornamen, oder beim Vornamen mit An- gabe der Herkunft, oder mit Vornamen und Zunamen nennen, ist richtig(vergl. Crestiens [de Troyes] Jean Bodel Adam de la Hale); aber warum soll der Dichter, der einen zu viel- fältigen Wortspielen verleitenden Vaternamen hatte, nicht mit Vorliebe ihn angewandt haben; warum soll die Sitte, sich mit dem Vaternamen allein zu nennen, die hundert Jahre später Villon befolgte, sich nicht, wenn auch nur vereinzelt, auch schon im 13. Jahrhundert*) gefunden haben? Wir wollen also den Namen Rustebuef als den richtigen Vaternamen des Dichters ansehen.

Uber die Heimat Rustebuefs ist nichts Ge- wisses bekannt. Nun könnte man zwar aus der Sprache seiner Werke auf die Provinz, aus der er stammt, schlieſsen; sprach man doch anders in der Normandie, anders in der Pikardie, anders in Burgund, anders in Ile-de-France. Auch hat Chabaille(Journal des Savants 1839. S. 43. 280) behauptet, daſs Rustebuef aus der

*) Ein anderes Beispigl aus diesem Jahrhundert findet sich in Bartsch, Chrestomathie de l'anc. franç: Icest exemple fist Bernier Qui la matere enseigne a fere.