Aufsatz 
Rustebuef, ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts / von Adolf Kressner
Entstehung
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Rustebuef,

ein französischer Dichter des XIII. Jahrhunderts.

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Wenn man den Blick vergleichend über die Geschichte der westeuropäischen Völker im 13. Jahrhundert schweifen läſst, so bleibt er unwillkürlich voll Bewunderung an der Frank- reichs haften. Während Italien durch die Kämpfe der Welfen und Ghibellinen seine besten Kräfte nutzlos sich aufreiben sah, während Deutschlands edelstes Mark durch innere Streitigkeiten ver- zehrt wurde, während England unter den bürger- lichen Unruhen seufzte, welche die Regierungen Heinrichs II. und Heinrichs III. über das Land brachten, erfreute sich Frankreich der weisen und gewissenhaften Verwaltung des Heiligen Ludwig, genoſs die Früchte und Segnungen inneren Friedens und strahlte nach aulsen hin in unvergleichlichem Glanze. atte Philipp II. noch mit den Engländern um den Besitz seines Landes streiten müssen, hatte Ludwig VIII. die Provence mit Waffengewalt und grausamem Blutvergieſsen unterworfen, so wuſste der milde und weise Ludwig IX. die Zwistigkeiten mit den Engländern beizulegen, die königliche Macht zu stärken, Willkür und rohe Gewalt unter die straffe Zucht des Gesetzes zu stellen, die Ent- wickelung der Städte zu fördern, Handel und Gewerbe zur Blüte zu bringen, den Ubergriffen des Papsttums energisch zu begegnen und so die Herzen des Volkes zu gewinnen und sie mit festen Banden an das kapetingische Herrscher- haus zu ketten.

Kann es da Wunder nehmen, dals unter solchen Verhältnissen auch die französische Litteratur einen Aufschwung nahm, wie ihn die anderer Völker nicht kannte? Das 12. Jahr- hundert hatte jene zahlreichen Heldengedichte (chansons de geste) gezeitigt, welche ihren Siegeslauf bald über die ganze gebildete Welt nahmen und den französischen Sitten und der französischen Sprache den Weg zu den anderen Nationen bahnten; diese Periode war zwar dahin, aber immerhin hat auch das 13. Jahrhundert, besonders in seiner ersten Hälfte, beachtens- werte chansons de geste und schöne Romane des bretonischen Sagenkreises hervorgebracht; die meisten aber der anderen Litteraturzweige bildeten sich erst oder entwickelten sich zu schönerer Blüte in der zwischen Philipp-August und Philipp dem Schônen liegenden Epoche. So sehen wir das erste Stammeln der franzô- sischen Geschichtsschreibung in dem Werke Ville-Hardouins, der seinerseits wieder Joinville den Weg weist; die Satire, die sich schon am Ende des 12. Jahrhunderts bemerkbar macht, erhält durch Rustebuef eine ungeahnte Macht, mit der Klerus und Adel rechnen muſs; die dramatische Litteratur erhebt sich aus den ersten rochen Anfängen; die lyrische Poesie macht eine Periode der Erneuerung durch unter dem Einflusse der provenzalischen Dichter; vor

allem aber blüht das echt französische Genre 1