III. Die Geschichte des Troubadours Rudel und der Prinzessin von Tripolis in der Literatur.
In der literarhistorischen Einleitung zur Schulausgabe haben wir, dem Text von Gaston Parisi¹) folgend, die kurze alt- provenzalische Lebensgeschichte Jaufre Rudels, die in vier Hand- schriften seinen Liedern vorangeht, abgedruckt, und eine Über- setzung ins Neufranzösische daneben gestellt.) Gaston Paris hat mit dem ganzen Aufwand seiner Gelehrsamkeit— für manche freilich, wie mich, trotzdem nicht überzeugend— nachzuweisen versucht, dass ein Fahrender die Mär von J. Rudels Minnefahrt zur Gräfin von Tripolis erfunden habe, dass die Erzählung nichts anderes als ein Gebilde der Phantasie sei. Von diesem Spiel- mann, der sich als echter Dichter erwiesen, sagt der grosse fran- zösische Gelehrte dann am Ende seines Aufsatzes:
„Er hat die nicht gewöhnliche Ehre, eine Sage geschaffen zu haben, so gehaltvoll, dass sie schon manchen wahren Dichter angezogen hat und vielleicht noch manchen anderen reizen wird. Versinnbildlicht sie doch so rührend und lieblich wie wenig andere das unablässige Streben des Menschen nach dem Ideal: er berauscht sich an dem, was ihm seine Einbildungskraft vor- malt, er wagt alles, um es zu erreichen, aber seine Kraft er-
¹) Gaston Paris, Jaufré Rudel in der Revue Historique, Bd. 53(1893),
S. 225— 260.— Jaufre ist die altprovenzalische Form für Geoffroi; wie man sieht, hat sich Rostand für eine Namensform zwischen diesen beiden entschieden.
²) Schulausgabe S. IX. und X.


